Kammermusik in Pop

Das Ende ist nah. (Keiler sagt, ich soll so beginnen.) Tatsächlich befinden wir uns aber in der Kundenhalle der Deutschen Bank; hier findet traditionell das letzte Schulkonzert des Schuljahres statt. Zu sehen sind u.a. ein Flügel, ein Schlagzeug, zwei Gitarren, mehrere Mikros. Die Bühne ist menschenleer, der Saal gut gefüllt.

Die Türen schließen sich.

Ein Bänker spricht Grußworte. Er weist darauf hin, daß in Zusammenarbeit mit der Musikschule Leipzig in diesem Schuljahr 147 Schulkonzerte stattgefunden haben. So wird auch der erste Dank an Frau Marlies Bandel ausgesprochen, welche für die Organisation der Konzerte verantworlich ist. Es scheint, als wird jedes Jahr die gleiche Vorlage für das Grußwort verwendet. Der Moderator Jörg Richter wird vorgestellt.

Jörg Richter begrüßt das Publikum und stellt das Thema des Abends – „Kammermusik in Pop“ – vor. Er hat eine gute und eine schlechte Nachricht für das Publikum. Er kündigt an, daß es keine verpoppte Kammermusik geben wird. „Was heute kommt, ist viel besser. Wir, die für lautere Töne bekannt sind, können auch leise.“

Zwei Gitarreros eröffnen mit einem gar nicht mal so leisem Stück den Abend.

Der Moderator fragt sich, wie die Musikschule und die Deutsche Bank zusammenpassen. Es ist nicht nur so, daß beide etwas mit Noten zu tun haben, beide Institutionen befinden sich in den schönsten Häusern von Leipzig. Außerdem weist Jörg Richter daraufhin, daß man mit Bänkern auch gut über Kunst und Kultur reden kann. (Schon Sibelius wußte: „Über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden. Künstler reden ja nur übers Geld.“)

Eine tolle 17jährige Stimme wird angekündigt. Vom Klavier begleitet, bietet sie „My Funny Valentine“ dar.

Der Moderator stellt fest, daß auf diesem Schulkonzert kaum Schüler anwesend sind. Danach versucht er den Begriff Popmusik näherzubringen: „Popularmusik ist ein unglücklicher Begriff.“ Danach kündigt er ein Schlagzeugsolo an, daß die Lichter wackeln. Ein Trio bestehend aus Schlagzeug, Bass und Klavier legt los. Leider geht der Bass anfangs unter. Das Schlagzeugsolo kommt, das dynamische Spiel läßt das Solo interessant wirken, die Lichter wackeln tatsächlich.

Nun wird das Thema „Wir sind Papst!“ zur Sprache gebracht. Die Musikschule reagierte darauf mit dem Musical „Nonnsense“. Aus diesem Musical wird nun ein Auszug dargeboten. „Nonsense kann selig machen.“ – Das muß die wunderbare Erfahrung dieser Tage sein.

Jörg Richter möchte ein Plakat zeigen, welches jedoch nicht da ist. Er weist darauf hin, daß das Musical im Theater K am 11. 6. um 19 Uhr und am 12. 6. um 16 Uhr noch einmal aufgeführt wird.

Eine fünfzehnjährige Sängerin bietet am Klavier „Afro Blue“ von John Coltrane sowie Clifford Browns „Joy Spring“.

Der Moderator bemerkt, daß man sich die Geischter getrost schon einmal einprägen kann. Danach thematisiert er den Verkauf des Gebäudes, in welchem die Musikschule residiert. Danach ruft er ein Schily-Zitat – „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“ – in Richtung Rathaus. „Das müßte angekommen sein.“ Danach kommt ein Solar von Miles Davis.

Der Moderator fragt, ob dem Publikum gefällt, was gehört wird. Schließlich geht es ja um populäre Musik. Dann folgt ein Stück von Alicia Keys, welches nicht so recht in den Rahmen zu passen scheint. Es paßt aber doch, denn es ist Popmusik und darum geht es heute abend. Es folgt ein Stück von Anouk. Leider ist das Schlagzeug so laut, daß Gitarre und Bass untergehen und auch die Stimme sich nur schwer durchsetzen kann.

Jörg Richter bringt ein paar O-Töne aus dem Backstage-Bereich mit: „Cool hier.“ „Schade, daß es schon wieder vorbei ist.“ Er kündigt anschließend ein Improvisationstalent – Richard Brüggemann – an. Dieser bietet „Blue Dance“ und zusammen mit der 17jährigen Stimme „Some Cats Know“ dar. Die Klavierimprovisation wird durch ein enthusiastisches Fingerschnippen der Sängerin begleitet. Danach folgt eine Solozugabe der 17jährigen Stimme.

Es folgen ein paar Abschluß- und Dankesworte des Bänkers, Jörg Richter erhält einen Blumenstrauß, die Musiker Mützen. Es wird sich ein baldiges Wiedersehen in diesem Haus gewünscht. Danach verschwindet das Publikum in den Katakomben, um sich an den kulinarischen Köstlichkeiten zu laben.

Nebel

Schon als ich das Haus verlies, war er wahrnehmbar: der Nebel. Aber man konnte noch weit blicken.

Auf dem Heimweg dann sah ich vielleicht noch hundert Meter, danach war alles in Grau gehüllt.

Eine Strähne fällt mir ins Gesicht, ich streiche die Strähne zurück und mir durch mein Haar. Es ist naß. Ich erinnere mich. Nebel ist Niederschlag.

Ich höre eine Straßenbahn kommen, vor mir liegt eine graue Wand. Die Geräusche werden immer lauter, sie ist schon ganz nah. Plötzlich tauchen zwei kleine Lichter auf und entwickeln sich schnell zu einem Tatra-Wagen, dern an mir vorbeifährt, dessen Rücklichter schon bald wieder im Nebel verschwunden sind.

Bei diesem Wetter sind Parks besonders schön. Diese alten, starren, kahlen Bäume, die darauf warten, endlich ausschlagen zu können, sind weichgezeichnet vom Nebelschleier, nur spärlich beleuchtet von dem diffusen Licht der Straßenlaternen.

Ich höre ein Motorengeräusch. Ein Fahrzeug kommt immer näher. Vier Lichter erscheinen, der Nachtbus N9 kommt mir entgegen.

Weihnachtstrunk

Ich komme von einem Weihnachtstrunk. Dort gab es selbstgebrauten Weihnachtstrunk und eine Burg zu besichtigen.

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Als ich am Albrecht-Dürer-Platz entlag schreite, kommt mir Eichendorff in den Sinn.

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt.
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Am Markt bin ich leider nicht vorbeigekommen, aber die Straßen waren wirklich verlassen, erleuchtet von der Straßenbeleuchtung. Und doch läßt das tatsächlich sehr einsam umherliegende Weiß alles in einer gefälligen Stimmung versinken. So schreite ich zwischen den Mauern durch die weite und stille Welt und freue mich, daß mir Eichendorffs Weihnachtsgedicht in den Sinn gekommen ist.

An der Haltestelle

Nein, ich bin nicht mit dem Nachtbus gefahren. Vom StuK aus ist es schließlich ein angenehmer Spaziergang.

Beim Quiz belegen wir den vierten Platz, danach noch etwas Stadt, Name, Land.

Kurz vor der Kurt-Eisner-Straße, an der Haltestelle K.-Eisner-/A.-Hoffman-Str. sehe ich Plüschtiere.
Nein, die zwei Bier waren nicht zu viel.
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Notizbuch und Fruchtgummi

Ein Notizbuch kann man überall kaufen. So etwas kauft, wenn man ohnehin andere Sachen zu besorgen hat oder geht einfach in den Schreibwarenladen um die Ecke. Es gibt keinen guten Grund, wegen eines Notizbuchs in die Innenstadt zu gehen.

Aber wer braucht schon einen guten Grund, in die Innenstadt zu kommen, wenn man die Karl-Liebknecht-Straße entlang laufen kann. Manchmal glaube ich, es gibt nichts schöneres, als am späten Nachmittag bzw. frühen Abend auf dieser Südmeile spazieren zu gehen.

Der Abbruch des alten Karstadt geht voran, außer viel Schutt und Baufahrzeugen ist nichts zu sehen.
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In der Hainstraße steuert ein Jugendlicher auf mich zu. Noch bevor er ein Wort sagt, ist mir klar, daß er aus irgendeinem Grund etwas Kleingeld haben möchte. Seine Geschichte ist ebenso unglaubwürdig wie sie lang ist, aber es ist schönes Wetter, ich habe gute Laune und auch ein paar Münzen über.

Ich kaufe, wie geplant, mein Notizbuch und beginne von der Blechbüchse aus meinen Heimweg. Der führt vorbei am Sachsenplatz, die Neugier läßt mich doch immer wieder Umwege laufen. Weiter geht es durch das Salzgäßchen, Reichsstraße und Neumarkt. Ich möchte mir das im Abbruch befindliche Karstadt auch noch von der anderen Seite anschauen.

In der Burgstraße organisiere ich mir noch etwas Fruchtgummi. Ich brauche ihn nicht als Wegzehrung, aber wenn man schon mal in der Stadt ist, kann man sich auch gleich damit eindecken.

Nun geht es wieder zurück. Der Weg in die Südvorstadt, zumindest wenn man den Petersteinweg stadtauswärts geht, führt durch eine Enge. Es ist nicht wirklich eine Enge, aber so ist das Stück Straße zwischen Wilhelm-Leuschner-Platz und dem Platz, wo sich Münzgasse, Härtelstraße, Beethovenstraße und Petersteinweg kreuzen, zumindest optisch etwas enger. Geht man stadtauswärts, so ist rechterhand die Polizei, die, so könnte man meinen, wachsam kontrolliert, wer diese Enge passiert.
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Kurz nach der Härtelstraße, gegenüber der Ständigen Vertretung, steht eine weiße Kuh auf dem Balkon. Bei diesem schönen Wetter wollte sie wohl nicht den ganzen Tag in der Stube hocken.

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An der Riemannstraße biege ich kurz ab, um mir die Peterskirche anzuschauen, die Schletterstraße führt mich zurück auf die Karl-Liebknecht-Straße.

Vor dem Pazzo stehen Strandkörbe. Ich frage mich, ob Strand vielleicht die Abkürzung für Straßenrand ist.
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Das House of Food wirbt noch immer dafür, am 24. März 2004 zu eröffnen. Ich glaube, sie haben bereits eröffnet. Davor sitzt ein älterer, unrasierter Herr, trinkt Wasser und raucht.

Kurz vor dem Ende meines Weges, vom Hotel Seeblick vielleicht 90 Schritte stadtauswärts scheint demnächst die Pension Fichtelbergbaude zu eröffnen. Ich frage mich schon, wie wohl die nächste Kneipe heißen wird. Bei einem näheren Blick lese ich etwas von Zimmervermietung. Vielleicht ist es ja doch eine Pension.

Laue Sommernacht, kühles Bier

Wir beschließen, die laue Sommernacht mit etwas Bier im Park zu verbringen. Auf dem Weg dorthin, eigentlich schon im Park, fällt uns ein bemalter Stein auf.
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Auf der Straße stehen sich zwei Frauen gegenüber und machen Rrrr!. Abwechselnd. In wechselnden Tonlagen. Sehr seltsam.

Wir trinken Bier und sinnieren über große Visionen, mächtig gewaltige Pläne.

Die Nacht frischt auf, der Hopfen entfaltet seine Wirkung und bringt eine schläfrige Stimmung in die Welt. Wir brechen auf. Der Heimweg führt vorbei an der Moritzbastei, wo Steingeschosse gestapelt sind.

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Einige Steine fehlen.

Nachtbus oder zu Fuß?

Ein Fußmarsch hat gegenüber der Fahrt mit dem Nightliner einen Vorteil: Man kann Umwege machen.

Im Nachtbus geht das nicht. Da steigt man ein, fährt den immer gleichen Weg bis zur Zielhaltestelle, steigt dort aus und überquert noch die Straße, dann ist man zu Hause.

Der Fußgänger aber kann einfach mal spontan abbiegen und einen Umweg beginnen. Und dann sieht der Nachtwanderer Sachen, die er auf seiner Standardroute nicht sieht, nicht sehen kann.

Auch heute entschied ich mich auf einmal, einen anderen Weg zu beschreiten. So bog ich also ab und schritt dann auf der Bernhard – Göring – Straße gen Süden. Zwischen Kantstraße und Richard – Lehmann – Straße stand unvermittelt ein Stuhl auf der Straße.

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Ihm war innen wohl zu stickig, so ging er raus, die sternklare Sommernacht zu genießen.

Die Frage, ob Nachtbus oder zu Fuß, ist deswegen aber noch immer nicht geklärt.