Die Entführung der Gießkanne

Die ganze Angelegenheit dieses Berichtes ist von derart politischer Brisanz, daß er hätte gar nicht veröffentlicht werden dürfen. Ich bitte daher den Leser, trotz allen Vorkommnissen ruhig zu bleiben und keine unüberlegten Handlungen durchzuführen.

Alles begann am Donnerstag: Der Oberbürgermeister einer Messestadt, deren Namen allerdings nicht genannt werden soll, kam um 7:45 Uhr in sein Amtszimmer. Sein Dienst beginnt für gewöhnlich erst 8:00 Uhr, aber der Bügermeister pflegt es, vor Dienstbeginn seine Amtszimmerpflanzen zu gießen. Ebenso wollte er es an diesem besagten Donnerstag tun, mußte aber mit Entsetzen feststellen, daß seine Gießkanne verschwunden war.

Er durchsuchte natürlich zuerst sein Amtszimmer, das Vorzimmer und das ganze Rathaus, ohne sie jedoch zu finden. Völlig niedergeschlagen nahm er in seinem Sessel platz, als da plötzlich das Telefon läutete.

Angerufen hatten die Entführer; sie teilten mit, daß sie die Gießkanne in ihrer Gewalt haben und ihr schlimmes antun würden, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden würden. Die Forderung lautete wie folgt: „Dem Wappentier müssen sämtliche Zähne gezogen werden, da der Löwe sonst eine Gefahr für die Bevölkerung darstellt.“

Der Oberbürgermeister stand unter Schock und Tränen, doch da die Vorzimmerdame wie immer heimlich auch dieses Telefongespräch belauschte, war sie in der Lage, der von ihr gerufenen Polizei die Sachlage zu schildern.

Es wurde sofort eine Fangschaltung eingerichtet und die Polizei suchte in einer groß angelegten Aktion in Stadt und Umgebung nach der Gießkanne und den Entführern. Die Polizei ging mittlerweile davon aus, daß es sich nicht nur um einen Täter handelte, sondern um mehrere Profis.

Etwa gegen 10:00 Uhr ging im Oberbürgermeisteramtszimmer erneut das Telefon – der Bösewicht rief erneut an und die Fangschaltungsfalle schnappte zu: Der Übeltäter war der Oberbürgermeisterkandidat der gegnerischen Partei, welcher aber in beiden Wahlgängen jämmerlich versagte. Im anschließenden Verhör sagte er, daß es die reine Rachsucht war, die ihn dazutrieb. Er wird sich nun wegen Erpressung und Entführung vor dem Gericht verantworten müssen.

Die Gießkanne konnte wohlbehalten im Auewald geborgen werden, dem Oberbürgermeister ging es sofort wieder besser und konnte mit seiner heißgeliebten Gießkanne seine heißgeliebten Amtszimmerpflanzen gießen.