Weihnachtsmärchen 2008

Der Weihnachtsmann nahm einen Schluck Glühwein aus seinem Becher, zog an seinem Pfeifchen und beobachtete das bunte Treiben auf dem Hof. Einige Wichtel waren damit beschäftigt, den Schlitten zu beladen, andere Wichtel polierten die Kugeln am Baum und die Wichtel, die Pause hatten, tranken Glühwein und machten mit einer Harke Muster in den Kunstschnee.

Das Wetterwesen hatte nach langen Überlegungen auf Kunstschnee umgestellt. Kunstschnee matscht nicht, sondern sieht immer gut aus. Es bildet sich auch kein Glatteis. Und wenn die Wintersaison vorbei ist, kann man ihn einfach wieder aufkehren und im nächsten Jahr wiederverwenden. Herkömmlichen Schnee kann man immer nur einmal verwenden. Aus umweltethischer Sicht ist sowas heutzutage nicht mehr vertretbar.

Rudi war auch froh über das künstliche Weiß, denn er fiel nicht mehr annähernd so oft hin, wenn er zur Glühweintränke torkelte. Und ohne reichlich Glühwein – kundige Weihnachtsfeierer wissen das – hat das Rentier einfach keine rote Nase.

Die Weihnachtsvorbereitungen selbst verliefen relativ ruhig. Die meisten Wunschzettel umfaßten nicht mehr als 160 Zeichen, waren kurz und knapp und schwer verständlich. Aber der Weihnachtsmann wäre nicht der Weihnachtsmann, wenn er damit ein Problem hätte. Wozu hat er schließlich seine Entzifferungswichtel?

Der Schlitten war beladen, die Liste der Begünstigten war auch ausgedruckt, nur Rudi wollte partout nicht von der Glühweintränke weg. Mit seinem Geweih schubste er alle weg, die sich ihm nähern wollte. Er hatte einfach keine Lust, schon wieder von Haus zu Haus zu fliegen. Er wollte lieber auf dem Hof bleiben, den Weihnachstbaum bewundern, naja, und Glühwein trinken.

Eine Gruppe Wichtel faßte sich ein Herz und schleifte Rudi vor den Schlitten. Das war gar nicht so einfach. Das Rentier
fluchte und schimpfte und er hätte sich sicher auch festgekrallt, wenn das mit Hufen möglich gewesen wäre. Er beruhigte sich dann aber und ließ sich auf den Kompromiß „große Thermoskanne“ ein.

So begann die Reise. „Hast Du eine Diät gemacht?“ fragte Rudi den Weihnachtsmann. „Nein. Wie kommst Du denn drauf?“ fragte der Rauschebart verwundert zurück. „Naja, irgendwie läßt sich der Schlitten dieses Jahr so leicht ziehen.“ Der Alte schüttelte den Kopf und nahm einen kräftigen Schluck aus der Thermoskanne.

Nach wenigen Minuten Flugzeit erreichte das Gespann die Zivilisation. „Hohoho!“ verkündete der Rauschebart seine Ankunft. Der Rotkittel schaute kurz auf seine Liste, griff sich seinen Sack und stapfte zum Haus. Er klopfte an und ihm ward aufgetan.

„Der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann“ riefen die Stimmen im Haus ganz aufgeregt. Im Wohnzimmer angekommen, wurde er von der ganzen Familie begrüßt, ganz besonders aber von Henriette, die sich schon auf ganz viele Geschenke freute.

Der Weihnachtsmann fragte Henriette, ob sie denn artig auch artig war und mit Reue berichtete sie von all ihren Sünden, welche der Rotkittel mit dem Bericht des Verfassungsschutzes abglich.

Der Weihnachtsmann ist ja bekanntermaßen kein Unmensch und jeder weiß, daß man ihn mit einem schönen Gedicht oder einem Liedchen zur Herausgabe der Geschenke bewegen kann. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß Henriette ein Gedicht aufsagte:

Der Weihnachtsmann, man glaubt es kaum,
sprang fröhlich um den Weihnachtsbaum,
der glitzerte und hell erstrahlte,
wenn man die Stromrechnung bezahlte.

Die Kinder kommen an in Scharen
und alle, die schön artig waren,
bekommen Spielzeug noch und nöcher.
Socken kriegen höchstens Löcher.

Und jeder bekommt eine Süßigkeit,
was des Zahnarzts Herz erfreut,
in Stockholm, Amsterdam, Paris,
wenn er behandelt Karies.

Und alle Menschen sind voll Freude,
die armen und die reichen Leute.
Alle schauen fröhlich drein,
denn mit Schuß war der Glühwein.

Reich gedeckt wird dann der Tisch
mit Salat, Bratwurst, Brot und Fisch. [Igitt! (Anmerkung des Autors)]
Und irgendwann sind alle satt,
dann freut sich, wer ein Schnäpschen hat.

Etwas merkwürdig war das Gedicht ja schon, aber der Weihnachtsmann hat schon so viel erlebt, daß es ihn nicht wirklich verwunderte. Er lobte Henriette und holte ein Geschenk nach dem anderen aus seinem Sack.

Freudig und voller Spannung begann das kleine Mädchen das erste Geschenk zu öffnen. Es löste die Schleife, entfernte das Papier, öffnete den Karton und sah: Nichts. Das Geschenk war leer. Da war natürlich Verwirrung angesagt.

Sie griff sich das nächste Geschenk, öffnete selbiges und fand den gleichen Inhalt. So ging es Geschenk für Geschenk. Leer! Leer! Alles leer!

Was war los? Hatte es der Weihnachtsmann etwa nötig, seinen Glühweinkonsum mit Leergeschenken zu finanzieren. Offenbar nicht, denn der Rotkittel war selbst höchsterstaunt über diese Gaben.

„Das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich den Mistwichtel erwische, der das verbockt hat. Der kann sich vielleicht was anhören! Hundert Jahre Geschirrspüldienst bekommt der aufgebrummt!“ Mit hochrotem Kopf rannte der Weihnachtsmann zurück zum Schlitten. “ So schnell wie möglich zurück zur Basis!“ rief er Rudi zu. „Aber laß Dich
nicht wieder blitzen!“

Kaum angekommen, ließ er alle Wichtel auf dem Hof antreten. „Habt ihr eine Ahnung, wie ich mich blamiert habe?“ Der Weihnachtsmann war noch immer wütend und stinksauer. „Welcher Ulkwichtel hat die Geschenke aus den Verpackungen genommen?“

Zögerlich und mit gesenktem Haupt trat Verpackungswichtel Vincent vor. „Ich wollte auch mal Geschenke bekommen.“ sagte er bockig. „Jahr für Jahr packe ich Geschenke ein und nie bekomme ich welche.“ Faßt hätte der Weihnachtsmann Vincent eine Ohrfeige verpaßt, aber Gewalt ist keine Lösung und hat daher in einem modernen Märchen nichts verloren.

„Wenn Du nicht sofort alle Geschenke einpackst“, drohte der Alte, „dann vergesse ich mich.“ Vincent rannte sofort ins Lager und packte in Windeseile alle Geschenke ein. So konnten, wenn auch mit leichter Verspätung, doch noch alle Kinder beschenkt werden.

Wieder zuhause angekommen, saß der Weihnachtsmann in seinem Sessel, nahm einen großen Schluck aus seiner Glühweintasse und rief seinem Notierwichtel Norbert zu: „Notier mal! Nächstes Jahr gibt es auch für die Wichtel Geschenke.“