Weihnachtsmärchen 2007

Kalt wars. Und dunkel. Und verdammt glatt. Man mußte aufpassen, daß man nicht ausrutscht. Es war besser, wenn man sich nur langsam und vorsichtig vorwärts bewegte. An ein zügiges Laufen oder gar Rennen war gar nicht zu denken. Nur die Schneeflocken waren so unvernünftig und konnten das Tanzen nicht sein lassen. Aber Schneeflocken jammern auch nicht, wenn sie auf dem Eis zum Liegen kommen. Das sind schon lustige Zeitgenossen.

Im Büro brannte noch Licht. Durch die Rauchwolken, die der Weihnachtsmann in die Luft pustete, konnte man erkennen, daß sich der Rauschebart, Rudi und einige Kernpostenwichtel zum strategischen Glühweintrinken versammelt hatten.

„Die Leute sind doch alle bekloppt.“ schimpfte der Auftragserfassungswichtel August-Eugen. „Früher haben sie uns
einfach ihren Wunschzettel geschickt, wir haben die Geschenke eingepackt und verteilt. Naja, und reichlich Glühwein getrunken. Und heute? Heute kommen zwar auch Wunschzettel, aber dann kommen dazu von anderen Leute Kommentare, Dritte sagen, die Verpackung gestreift sein, …“ „Ja“, unterbrach ihn da Packwichtel Paul
beipflichtend, „kaum hat man etwas eingepackt und möchte kurz am Glühwein nippen, da muß man das Geschenk schon wieder auspacken und wieder neu einpacken.

„Und warum das alles?“ zeterte August-Eugen weiter. „Weil die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit behauptet, daß komme beim Kunden gut an. ZweiNull nennen sie den Unfug. Demnächst soll das Rentier auch noch mit blinkender Nase unterwegs sein. Pah!“ Der Wichtel zeterte weiter und weiter und schien gar nicht damit aufhören zu wollen und nach und nach stiegen die anderen Wichtel mit ein.

Unbeachtet vom sich Luft machenden Wichtelmob beseitigte der Weihnachtsmann den Glühwein von seinem Schreibtisch, den er zusammenzuckenderweise verschüttete, als er vernahm, daß es mittlerweile eine Abteilung Öffentlichkeitsarbeit gab.

Er war auch schon letztens sehr verwirrt, weil die Abteilung Personalwesen, von der er vorher auch noch nichts gehört hatte, sich angeblich weigert, Lehrstellen für Fachwichtel zu schaffen, weil Praktikanten günstiger kämen. Das wollte der Rauschebart ja so ganz und gar nicht verstehen. Er ging immer davon aus, daß alle ehrenamtlich arbeiten.

Weihnachtsmann,“ fragte Rudi verschüchtert, „muß meine Nase morgen wirklich blinken?“ „Nein!“ Der Weihnachtsmann schlug mit der Hand auf den Tisch. Plötzlich war alles still und schaute zum Rotkittel. „Alles bleibt beim alten. Wir sind ein Traditionsunternehmen.“

Rudi war erlichtert und trottete aus dem Büro in den Stall, wo schon die Glühweintränke auf ihn wartete. Vom Hof her
konnte man ein „Trink, Rudilein, trink, färb deine Nase rot ein!“ vernehmen, später auch noch andere, eher seltsame
Gesänge. Noch später war nur noch ein Schnarchen zu hören.

Rein theoretisch waren da zwei Schnarcher, aber der Weihnachtsmann hatte im Sommer neue Fenster einbauen lassen, so daß die Schallwellen nur gegen die Scheibe klatschten und an dieser herunterrutschten.

Und es ward Abend, und es ward Morgen: Heiligabend. Und wie sollte es auch anders sein, es war ein herrlicher Tag. Eine Alternative wäre zum Beispiel ein Schneesturm gewesen. Nach einem kräftigen Frühstück – Glühwein mit Schuß – bestieg der Weihnachtsmann den bepackten Schlitten und die Fahrt ging los.

Die Fahrt verlief soweit ganz gut, lediglich das rote Heißgetränk war deutlich untertemperiert. „Rudi, kann es sein,
daß wir heute etwas schnell unterwegs sind?“ „Wieso fragst Du, Weihnachtsmann?“ „Naja, der Glühwein in meinem Becher ist gefroren und in diesem Zustand bekomme ich ihn einfach nicht da raus.“ Das Rentier wurde langsamer und der Weihnachtsmann goß Schluck für Schluck aus der Thermoskanne nach, um sein geliebtes Getränk wieder auf Trinktemperatur zu bringen, was ihm dann auch gelang. Allerdings ließ dann, erfreut über den gelungenen Glühweinrettungsversuch, seine Sorgfalt und Aufmerksamkeit nach, die Geschwindigkeit des Gefährts nahm
hingegen wieder zu.

„Rudi!“ schrie der Weihnachtsmann. „Ich habe schon wieder Glühweineis in meinem Becher! Warum sind wir denn heute so schnell unterwegs?“ „Naja, Weihnachtsmann,“ antwortete das Rentier, „die Strecke ist frei.“ „Die Strecke ist frei? Das Rentier beliebt heut wohl zu scherzen? Die Strecke ist immer frei!“ „Hmm, stimmt auffällig. Ich glaube, der Schlitten ist heute nicht so schwer. Wir müssen nicht so viele Geschenke verteilen.“ „Weniger Geschenke? Das ist doch aber völlig gegen den Trend. Die Wunschzettel sind von Jahr zu Jahr länger geworden.“ „Ja, aber jetzt ist der Aufschwung bei der Bevölkerung angekommen. Sie haben es einfach nicht mehr nötig, sich etwas schenken zu lassen.“

Einige Becher Glühweineis später kam der Schlitten in der Zivilisation an. Der Weihnachtsmann leckte den Löffel ab,
schnappte sich einen Sack und stapfte zum ersten Haus, er klingelte und ward eingelassen. Die kleine Carina wußte
auch ein kleines Gedicht aufzusagen:

Der Weihnachtsmann, wie jeder weiß,
hat einen roten Mantel an,
sein Rauschebart ist weiß und lang,
sein Glühwein in der Tasse heiß.

Der Rauschebart freute sich sehr über das Gedichtchen und lobte das Mädchen. „So, Carina, da wollen wir mal schauen, was ich so für Dich habe. Schau mal, ein Malbuch und Buntstifte!“ Die kleine Carina wollte schon anfangen, mit den Buntstiften das Malbuch auszumalen, doch der Weihnachtsmann wühlte weiter in seinem Sack und holte wieder etwas heraus. „Schokolade!“ rief die Kleine überglücklich und ließ Buntstifte und Malbuch fallen, um die Schokolade in Empfang zu nehmen. Der Rotkittel kramte weiter in seinem Sack, während die Schokolade geöffnet
wurde, und holte ein Plüschtier hervor. „Ein Teddy!“ Auch die Schokolade wurde fallengelassen und dafür der Plüschbär fest umarmt.

Das Mädchen wartete gespannt, was der Weihnachtsmann als nächstes aus dem Sack holen würde. Irgendetwas mußte ja noch kommen, schließlich kramt er noch in seinem Sack rum. „Und zum Schluß“, sprach der Weihnachtsmann stolz, fast feierlich, „noch eine Tube Anti-Falten-Creme.“ Anti-Falten-Creme? Für eine Fünfjährige? Ist diese Form der Altervorsorge nicht doch etwas übertrieben? Der Weihnachtsmann beschloß, mit dieser
Abteilung Personalwesen mal ein ernsthaftes Wort zu reden. Einem gelernten Packfachwichtel wäre so ein Fehler sicher nicht unterlaufen.

Jetzt galt es allerdings eine Situation zu retten. Das Mädchen umklammerte ihren Teddy und schaute verstört drein. Der Rest der Familie hatte leider keinen Teddy zur Hand, verstört dreinschauen konnten sie trotzdem recht gut. „Entschuldigung,“ sprach der Weihnachtsmann, „da ist dem Packwichtel wohl ein kleiner Fehler unterlaufen.“ Der Weihnachtsmann durchforstete seine Manteltasche und holte schließlich eine kleine Spieluhr hervor.

Er zog sie auf und die Figuren begannen zu einer Melodie zu tanzen. Sogar ein paar tanzende Schneeflocken waren dabei. Die ganze Familie war entzückt. Tanzende Schneeflocken! Sowas kannte man doch sonst nur noch aus Unwetterszenarien. Die kleine Carina nahm die Spieluhr vorsichtig entgegen und verlor sich in den tanzenden Figuren, nachdem sich der Rauschebart nochmals entschuldigt und dann verabschiedet hatte.

Der Weihnachtsmann setzte sich wieder in den Schlitten und die Fahrt ging weiter. „Ach, Rudi, die Zeiten sind merkwürdig. Ich glaube, ich bin zu alt für diesen Job.“ seufzte der Rotkittel und nahm einen Schluck von seinem Glühwein. Aber wer sollte diesen Job übernehmen?