Weihnachtsmärchen 2006

Es war kalt und polardunkel. Doch das störte die Schneeflocken nicht, weder die dicken noch die dünnen. Die tanzten einfach durch die vormittägliche Polarnacht, so, wie es sich für gute Schneeflocken gehört. Sie tanzten und tanzten, obwohl gar keine Musik lief. Ganz offensichtlich brauchen Schneeflocken keine Musik zum Tanzen. Es störte sie auch gar nicht, daß sich die Wichtel ständig etwas zuriefen, laut lachten oder auch mal fluchten, wenn sie mal wieder auf dem Glatteis ausrutschten, weil Streuwichtel Sascha lieber länger schlief als zu streuen. Noch nicht einmal das laute Geschnarche von Rudi – er hatte mal wieder die ganze Nacht mit dem Weihnachtsmann gezecht – störte den fröhlichen Tanz der Schneeflocken.

Der Weihnachtsmann lief in seinem Büro unruhig auf und ab. Der Rotkittel vernahm ein „Hallo?“, griff nervös in die Dose mit den mehrfach ungesalzten Erdnüssen. „Hallo?“ Da war sie schon wieder. Er nahm einen Zug von seinem Pfeifchen. Nein, das ist so nicht wahr. Eigentlich knabberte er nur fahrig auf dessen Mundstück herum. „Hallo?“ Schon wieder. Der Weihnachtsmann geriet allmählich ins Schwitzen. „Severin!“ schrie der Rauschebart laut und der leicht verstörte Sekretariatswichtel erschien auch sofort in der Tür.

Was denn los sei, fragte der noch immer leicht verstörte Wichtel. „Ich glaube, ich sollte weniger trinken.“ antwortete daraufhin der Weihnachtsmann und schob seinen Glühweinbecher von sich. In diesem Moment wurde aus des Wichtels leichter eine richtige Verstörung. „Aber warum das denn?“ erkundigte er sich. Der Weihnachtsmann winkte den Wichtel zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich höre Stimmen. Und das, obwohl ich allein im Raum bin.“ Der Wichtel schaute sehr ungläubig. „Hallo?“ „Da, da war sie schon wieder!“ rief der Alte. „Ja,“ sagte da Severin, „auch ich habe die Stimme vernommen.“ „Oh, nein!“ seufzte der Rotkittel. „Jetzt werden wir alle wahnsinnig.“ Er schüttelte sichtlich verzweifelt den Kopf, ließ sich in seinen Sessel sacken und nahm entgegen seines Vorsatzes einen kräftigen Schluck vom roten Heißgetränk.

„Aber nicht doch!“ begann der Wichtel auf seinen Chef einzureden. „Hallo?“ unterbrach ich die Stimme. Doch der Wichtel einredete weiter: „Die Stimme ist real und kommt aus dem Lautsprecher deines Telefons.“ „Die Stimme kommt aus dem Telefon?“ „Ja.“ bestätigte der Wichtel. „Aber wie kommt sie dort rein? Und was will sie dort?“ fragte der Rauschebart. Der Wichtel verdrehte entnervt die Augen. ‚Vielleicht sollte er doch weniger trinken.‘ dachte sich der Wichtel, gesagt hat er aber: „Frag das doch die Stimme selber!“ „Gute Idee! Die könnte ja glatt von mir stammen.“ meinte der Weihnachtsmann und entließ den Wichtel in sein Sekretariat.

„Hallo?“ meinte die Stimme wieder. Der Weihnachtsmann vergewisserte sich, daß er wieder allein in seinem Büro war und ging zu dem merkwürdigen Kasten – ‚Wie hat der Wichtel das Ding doch gleich genannt?‘ – aus dem die Stimme kam und grüßte ihn mit einem zaghaften „Hallo?!“. „Hallo!“ meinte da die Stimme wieder. „Wer bist du? Wie bist du in den Kasten gekommen und was willst du da?“ Die Stimme schwieg, aber es war ein äußerst verwirrtes Schweigen. „Ich, äh, verstehe nicht richtig.“ meinte die Stimme. „Wer bist du? Wie bist du in den Kasten gekommen und was willst Du da?“ fragte der Rauschebart nun schon etwas fordernder. ‚Kann ja nicht angehen, daß sich irgendwelche Stimmen in merkwürdigen Kästen – Wie nannte Severin das Ding doch gleich? – verstecken und mit mir Schabernack treiben. Das treibe ich denen schon aus!‘

„Bin ich mit dem Weihnachtsmann verbunden?“ fragte die Stimme. „Verbunden? Warum sollte ich verbunden sein? Ich habe doch gar keine Verletzung, die verbunden werden müßte.“ Hätte die Stimme Augen gehabt, hätte sie diese jetzt verdreht, aber Stimmen haben keine Augen. „Sind sie der Weihnachtsmann?“ versuchte die Stimme eine einfachere Frage zu stellen. Diese Frage war in der Tat so simpel, daß der Alte sie auf Anhieb mit einem dahingeknurrten „Ja.“ korrekt beantworten konnte.

„Das ist schön.“ flötete da die Stimme. „Ich bin Gwendolin Gerber vom Meinungsforschungsinstitut Dinme. Wir machen derzeit eine Umfrage zum Thema Weihnachten. Hätten sie ein paar Minuten Zeit, um einige Fragen zu beantworten?“ Der Rotkittel war nun etwas verwirrt. Meinungsforschungsinstitut. Umfrage. Weihnachten. Sehr verwirrend. ‚Moment,‘ dachte der Alte. ‚Weihnachten sagt mir was, davon habe ich schon einmal gehört. Das wird bestimmt ganz lustig.‘ „Ja, gerne, fragen Sie ruhig!“ antwortete er also.

„Wieviele Geschenke verteilen sie pro Jahr?“ Der Weihnachtsmann kam ins Grübeln. Darüber hatte er noch nie wirklich nachgedacht. Verteilt hat er sie immer, aber auch gezählt? Nein, gezählt hatte er die Geschenke noch nie. „Das kann ich leider nicht sagen, ich habe noch nie mitgezählt.“ antwortete er schulterzuckend, auch wenn das Schulterzucken von der Stimme nicht wahrgenommen wurde. „Oh!“ entgegnete da leicht enttäuscht die Stimme. „Dann wissen sie sicher auch nicht, wie hoch die Wunscherfüllungsquote ist?“ „Wunscherfüllungsquote?“ „Ja, die Wunscherfüllungsquote. Wieviele Wünsche erfüllen sie und wieviele Wünsche erfüllen sie nicht?“

„Wünsche?“ dachte der Rotkittel laut. „Ich glaube, bevor wir über eine Wunscherfüllungsquote reden, sollten wir über die Wunschquote reden.“ „Wunschquote?“ fragte diesmal die Stimme verwundert. „Ja, Wunschquote.“ antwortete der Rauschebart. „Die wenigsten Leute wünschen sich noch etwas, die meisten hätten gern etwas, oder bräuchten dies oder das, bestellen oder fordern etwas ein, aber wünschen? Nein, das Wünschen hat deutlich nachgelassen.“ Die Stimme schwieg, begierig mehr darüber zu erfahren.

„Einer zum Beispiel schrieb mir: ‚Hallo Weihnachtsmann! Ich könnte‘ – dann kommt da eine Liste von Dingen – ‚gebrauchen. Wenn du das nicht hinbekommst, ist das auch nicht so wild. Ich habe vorsorglich eine Geschenkausfallversicherung abgeschlossen.‘ Oder ein hier ein anderer Fall: ‚Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann, hiermit fordere ich per 24.12. folgende Artikel frei Haus geliefert.‘ Dann ist da wieder eine Liste mit Dingen, sogar die Bestellnummern wurden mit hingeschrieben. Und dann geht es nach der Liste weiter: ‚Im Falle einer Nichterfüllung behalte ich mir rechtliche Schritte vor. Hochachtungsvoll‘ und dann halt eine unleserliche Unterschrift.“

Die Stimme schwieg geschockt. Hat da tatsächlich jemand angedroht, den Weihnachtsmann zu verklagen? Und warum erzählt der Weihnachtsmann das so gelassen? Gehört sowas etwa zum Alltag des Rotkittels? Hat der Weihnachtsmann am Ende sogar eine eigene Rechtsabteilung?

„Stimmt das wirklich?“ fragte die Stimme vorsichtig. „Ja, leider.“ sagte der Alte. „Aber das sind eher die Ausnahmen. Es gibt sogar noch ein paar Leute, die das Wort ‚bitte‘ kennen?“ „Welches Wort?“ fragte die Stimme zurück, aber der Rauschebart antwortete nicht darauf, sondern fuhr fort: „Manchmal kommen auch ganz interessante Briefe an. Einer zum Beispiel schrieb:

Ein glücklicher Bayer in München
wollt sich zur Weihnacht was wünschen.
Doch fiel ihm nichts ein,
darum lud er ein:
Wenn du kommst, dann spendier ich ein Ründchen.“

„Hmm.“ meinte da die Stimme. „Und zur Wunscherfüllungsquote können sie wirklich keine Angaben machen?“ „Nein. Und ehrlich gesagt, es ist mir egal. Wenn die Leute nicht wissen, was sie wollen, kann ich daran auch nichts ändern. Und für das Umtauschen der Geschenke ist ohnehin der Einzelhandel zuständig.“ Die Stimme schluckte und versuchte die peinliche Stimmung mit der Frage „Eine letzte Frage noch: Wie werden sie den heutigen Tag verbringen?“ zu überbrücken. „Ich werde wohl einen Abstecher nach München machen und mir dort etwas spendieren lassen.“ antwortete der kopfschüttelnde Weihnachtsmann mit trocknem Ton.

„Dann danke ich ihnen herzlich für das Gespräch und wünsche ihnen noch einen schönen Tag!“ „Danke, gleichfalls!“ antwortete der Rotkittel. Dann wurde es still im Weihnachtsmannbüro. Der Rauschebart zog an seinem Pfeifchen, nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glühweinbecher und schüttelte den Kopf. So richtig wußte er noch immer nicht, wie die Stimme in den merkwürdigen Kasten – Wie nannte der Wichtel das Ding doch gleich? – gekommen ist und was sie da wollte. Aber der Weihnachtsmann hatte auch nicht mehr die Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, denn bekanntlich hat er Heiligabend wichtigere Dinge zu erledigen.