Weihnachtsmärchen 2005

Es war dunkel und kalt. Auf dem Hof strahlte ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum, umtanzt von dicken Schneeflocken. Er strahlte so hell, daß man ihn selbst noch kilometerweit entfernt nicht ignorieren konnte. Der Weihnachtsmann schaute aus dem Fenster seines Büros und machte sich Sorgen um die Stromrechnung. In der einen Hand dampfte sein Pfeifchen, in der anderen Hand hielt er die letzte Rechnung der Elektrizitätswerke.

Es klopfte an der Tür, ein Wichtel trat ein. „Weihnachtsmann, wir haben ein Problem.“ „Ich weiß.“ sagte der Rotkittel, ohne seinen Blick vom Treiben auf dem Hof abzuwenden. „Du weißt schon davon?“ fragte der Wichtel erstaunt. „Nein,“ antwortete der Weihnachtsmann, „aber irgendwie gibt es so kurz vor Heiligabend immer ein Problem.“ Der Weihnachtsmann dreht sich um, und erblickte den plötzlich immer bleicher werdenden Wichtel. „Wir haben noch ein Problem“ meinte der Wichtel noch kurz und kippte dann, nachdem er das Erblassen beendet hatte, ohnmächtig um.

Erschrocken stürzte der Alte zum Wichtel, schüttelte diesen und bat, daß er wieder zu sich kommen möge. Der Wichtel kam dieser Aufforderung nach, wenn auch nur zögerlich. Nachdem sich der Wichtel mit einem kräftigen Schluck Schnapps gestärkt hatte, sprach er mit noch immer schwacher Stimme: „Weihnachtsmann, dein Bart…“ „Was soll denn mit meinem Bart sein?“ unterbrach ihn sein Arbeitgeber brummelnd. „Den habe ich mir doch heute morgen abrasiert.“

„Du kannst Dir doch nicht einfach den Bart abrasieren!“ rief der Wichtel empört. „Doch,“ antwortete der Bartlose, „das ging ganz einfach. Das grobe Gestrüpp habe ich mit der Schere entfernt, den Rest dann mit einem Naßrasierer. Es hat auch gar nicht wehgetan. Naja, gut, das After Shave hat ein wenig gebrannt. Und außerdem“, setzte der Weihnachtsmann fort, „habe ich mir ein neues Outfit zugelegt. Hier schau mal!“ Der Rotkittel zeigte auf eine Lederhose und einen langen Ledermantel. „Damit werde ich diesmal Geschenke verteilen.“ Der Weihnachtsmann kramte in seiner Manteltasche und holte schließlich eine Sonnenbrille hervor. „Die setze ich natürlich auch auf.“ Der Weihnachtsmann strahlte fast noch heller als der Baum auf dem Hof, der Wichtel machte dafür ein umso finstereres Gesicht. ‚Jetzt ist er völlig übergeschnappt.‘ dachte der Wichtel. ‚Vermutlich wird er langsam zu alt für diesen Job.‘

„Ach!“ sprach da plötzlich der Weihnachtsmann. „Wie schön ist doch das Leben!
Was kann es denn noch Bessres geben?
In dieser schönen Weihnachtszeit
ward ich von meinem Bart befreit.

Ein neues Outfit ist auch da.
Weihnachten wird wunderbar!
Ja, auch das Rentier wird getauscht,
es ist ja doch meist nur berauscht.

Auch gibts dies Jahr keine Geschenke.
Sie warn stets falsch, wenn ichs bedenke.
Ich werde mich beschenken lassen
und das gesparte Geld verprassen.

Das ist zwar alles ziemlich neu.
Doch manche feiern auch im Mai.
Ich denk manchmal, es ist das beste,
man verschiebt das Weihnachtsfeste.

Noch besser wär, man läßts ganz sein.
Es ist ja doch nur alles Schein.
Die Scheine geb ich lieber aus
und lebe dann in Saus und Braus.“

‚Da haben wir die Bescherung.‘ dachte sich der Wichtel. Es muß sich dabei um die wohl größte Katastrophe im Beschwerungswesen gehandelt haben. Was war nur mit dem Weihnachtsmann los? Durchlebte er gerade eine manische Phase? War es eine Art Midlife-Crisis? Oder hat er einfach nur so den Verstand verloren?

Was auch immer Ursache für das merkwürdige Verhalten des Rotkittels sein mochte, der Wichtel hielt es für angemessen, eine Krisensitzung einzuberufen, was er dann auch tat.

Eine halbe Stunde später hatten sich alle im Großen Saal versammelt. Die Wichtel tuschelten aufgeregt. In einer Ecke saß Rudi und schaute scheu umher. Der Weihnachtsmann lag in einer Hängematte, blätterte in der aktuellen Ausgabe des Playboys und nippte hin und wieder an seinem Cocktail. Eine Glocke ertönte, im Saal kehrte Ruhe ein. Chefwichtel Casimir eröffnete die Sitzung: „Sehr geehrter Weihnachtsmann, verehrte Mitwichtel! Das Bescherungswesen steckt in einer tiefen Krise. Der Weihnachtsmann hat sich rasiert und, was noch viel schlimmer ist, er streikt.“ „Der Weihnachtsmann könnte einen künstlichen Bart tragen.“ kam eine Wortmeldung. Der Weihnachtsmann schaute kurz auf, verdrehte die Augen und wandte sich wieder seinem Playboy zu. Danach war es einige Minuten still im Großen Saal. Der Weihnachtsmann schaute als er umblätterte kurz zu den versammelten Wichteln, die ihn fassungslos anschauten. Er meinte nur: „Ich als Original soll herumlaufen wie eine billige Kopie? Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank.“ Danach schaute er sich die Seite an, die er gerade umgeblättert hatte. Es war vermutlich interessanter als die Wichtelversammlung.

„Dann würde ich den Bart nehmen.“ unterbrach eine Wortmeldung aus der Ecke die Stille der bestürzten Wichtel. Damit zog Rudi viele verwirrte Blicke auf sich. „Bitte laß den Unfug!“ meinte der Versammlungsleiter. „Das ist jetzt nicht dir richtige Zeit für Scherze.“ Rudi erhob sich und meinte erzürnt: „Erst wird einem der Glühwein vorenthalten und dann darf man nicht einmal die nichtrote Nase verstecken. Macht doch was ihr wollt, aber ohne mich!“ Das Rentier trabte schimpfend aus dem Raum.

Die Versammlung war geschockt, abgesehen vom Weihnachtsmann, der dieser ohnehin nicht mehr folgte. Aber was hatte das Rentier da gesagt? Man hat ihm den Glühwein vorenthalten? Warum sollte man Rudi Glühwein vorenthalten? Er braucht doch eine rote Nase. Da dämmerte es Sekretariatswichtel Severin plötzlich. „Genau!“ rief er. „Deswegen bin ich doch zum Weihnachtsmann gegangen. Küchenwichtel Konstantin hat sämtliche Glühweinvorräte vernichtet, um eine neue Soße zu kreieren, was ihm jedoch – wie so oft – mißlang.“ Der Küchenwichtel schaute beschämt nach unten. „Naja, und der Lieferant hat Nachschubprobleme.“ setzte Severin fort.

War akuter Glühweinmangel die Ursache der Krise? Hatte der Weihnachtsmann eine Überdosis Realität? Die Wichtel blickten hilflos umher, sich fragend, wie man dieses Problem wohl lösen könnte.

Vom Hof her drangen Motorgeräusche in den Versammlungsraum, die Wichtel schauten aus dem Fenster und brachen spontan in Jubel aus. „Endlich eine neue Glühweinlieferung!“ hörte man sie rufen. Voller Elan stürmten sie auf den Hof, um den Glühwein vom Tanklastwagen in den eigenen Tank umzuschlauchen. In der Küche wurde auch sogleich ein großer Topf des köstlichen Getränks erhitzt und in den Versammlungsraum gebracht. Doch der Weihnachtsmann interessierte sich nicht dafür. Er schmökerte noch immer im bereits erwähnten Männermagazin und nippte hin und wieder an seinem Cocktail.

„Nun,“ meinte da ein Wichtel schulterzuckend, „besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen.“ Im nächsten Augenblick stürmten die Wichtel zum Weihnachtsmann und hielten ihn fest, während ein weiterer Wichtel dem Weihnachtsmann Glühwein einflößte. Nach wenigen Minuten kam der Rotkittel zu sich. Erschaute sich verwirrt um. Insbesondere schien er nicht so recht zu wissen, warum er so seltsame Kleidung trug und überhaupt, die Gesamtsituation schien ihm völlig fremd.

„Ein akuter Glühweinmangel hat zu Bewußtseinsstörungen geführt.“ klärte Medezinwichtel Magnus auf. Die anderen Wichtel begannen in ihrer Freude ausgelassen zu feiern. Nur Casimir nicht. Er läutete so lange, bis Ruhe im Großen Saal einkehrte. „Ein Problem wäre gelöst,“ sprach er, „doch noch immer hat der Weihnachtsmann keinen Bart.“ Der Rotkittel zuckte zusammen. Er griff nach seinem Bart, aber außer einem blanken Kinn war da nichts. Es herrschte Ratlosigkeit in der Runde.

„Ich hätte da eine Idee.“ meldete sich ein junger Wichtel zu Wort. „In einem Dokumentarfilm habe ich gesehen, wie ein Druide Römern einen Trunk verabreichte, der ihre Bärte sprießen ließ.“ „Das war kein Dokumentarfilm.“ entgegnete ein anderer Wichtel. „Das war nur eine erfundene Geschichte.“ „Wie jetzt?“ fragte darauf der junge Wichtel. „Die Römer gab es also gar nicht?“ Die anderen Wichtel verdrehten entnervt die Augen.

„So abwegig ist der Gedanke gar nicht.“ erhob da Bibliothekswichtel Balthasar das Wort. „Erst letztens las ich in einem Buch, daß Glühwein mit gewissen Kräutern versetzt, tatsächlich dem Bartwuchs förderlich ist.“ „Aber haben wir denn diese Kräuter auch vorrätig?“ „Nun, dem Buch lagen einige Probepackungen bei.“ „Dann sollten wir den Versuch wagen.“ beschloß der Weihnachtsmann.

Der Küchenwichtel ward instruiert und begann sogleich mit der Zubereitung des speziellen Glühweins. Nach wenigen Stunden war es dann auch soweit. Alle hatten sich wieder im Großen Saal versammelt und harrten der Dinge, die da wohl kommen mögen. Der Weihnachtsmann leerte den großen Becher in nur einem Zug und, siehe da, der Bart fing an zu sprießen. Erst zögerlich, aber schon bald hatte ein prächtiger Rauschebart das blanke Kinn verdeckt. Weihnachten war gerettet und somit auch die Fördermittel und Subventionen für das nächste Jahr.

Heiligabend selbst verlief unspektakulär. Rudi hatte wieder eine rote Nase, der Weihnachtsmann seinen Bart und die Kinder, so sie denn ein Gedicht oder Liedchen vortragen konnten, ihre Geschenke. Alle waren sie glücklich, denn sie wußten, daß sie schon in wenigen Tagen ihre Geschenke in etwas umtauschen können, was sie viel lieber bekommen hätten.