Weihnachtsmärchen 2004

„Das können die doch mit mir nicht machen!“ Der Weihnachtsmann war sichtlich erzürnt. „Mit mir nicht!“ rief er, verlieh seiner Aussage Nachdruck. Er trank seinen Glühweinbecher in einem Zug aus, nur um diesen wieder aufzufüllen und auf die gleiche Art und Weise zu leeren.

Der Postwichtel war arg verschüchtert, blickte ängstlich drein. Dermaßen außer sich hatte er seinen Chef das letzte mal erlebt, als Rudi sich seine Nase zur Abwechslung mal grün gefärbt hatte. Dabei hatte er doch lediglich das Schreiben, welches im Briefkasten lag, zu ihm ins Büro gebracht.

Mit Zittern und Zagen folgte sein Blick dem Rotkittel, welcher die Zuschrift wieder und wieder kopfschüttelnd durchlas und in seiner Entrüstung große Schlucke aus seinem Pott nahm. „Was glauben die eigentlich, mit wem sie es zu tun haben? Mein Schlitten soll zur Abgasuntersuchung, sonst wird mir die Zulassung entzogen! Was kommt als nächstes? Soll ich Rudi vielleicht mit Blinklichtern versehen?“

Der Weihnachtsmann ließ sich in seinen Sessel fallen. Er schüttelte – nur sehr wenig Verständnis habend – seinen Kopf, langte nach seinem Pfeifchen und starrte in den Kamin, auf die lodernden, knisternden Holzscheite. Mit einem Fidibus steckte er seine Pfeife in Brand und blies schwere Tabakwolken in den Raum. Er schlürfte einen Schluck seines Glühweins und schüttelte abermals sein Haupt. „Es tut mir leid, Du hast ja nur Deine Pflicht getan.“ entließ der Rauschebart den Postwichtel, welcher mittlerweile auch das Zittern und Zagen wieder eingestellt hatte. „Erst fordert das Finanzamt eine Geschenkabgabe rückwirkend für die letzten 300 Jahre und jetzt auch noch so ein Unfug. Dreht denn die komplette Welt am Rad?“

Der Weihnachtsmann erhob sich kopfschüttelnd, stapfte schwerfällig zu seinem Schreibtisch, griff sich das Schreiben, welches ihn so in Rage brachte, steckte es in sein Kuvert zurück und dieses wiederum in seine Manteltasche. „Bringen wir eben den Schlitten zur Abgasuntersuchung.“ verließ der Rauschebart vor sich hin murmelnd das Haus. Er seufzte. „Und das einen Tag vor Heiligabend.“

Die Sonne blinzelte durch die Wolken, der Weihnachtsmann aus seinen verschlafenen Augen, dicke Schneeflocken begrüßten fröhlich tanzend den 24. Dezember. Der Rauschebart gähnte herzlich, als er sich mit seiner Hand durch selbigen strich. Der liebliche Duft des Glühweins stieg in seine Nase, so daß er aufsprang und ein fröhliches „Guten Morgen!“ durch die Schlafstube schallte. Über den Ärger des Vortags hatte sich eine dicke, weiße Schneeschicht gelegt. Die Tannen glitzerten, eine gefällige Ruhe erfüllte die Gegend, ein Heiligabend, wie der Weihnachtsmann ihn mag. Lediglich Rudis schiefer Gesang störte den Gesamteindruck, nicht aber den Rotkittel, denn er wußte: Rudi hat reichlich Glühwein getrunken, Rudi hat eine rote Nase.

Die Wichtel packten bereits seit den frühen Morgenstunden den nunmehr abgasuntersuchten Schlitten mit Geschenken voll. Es scheint, als hätte das Gefährt von Jahr zu Jahr mehr zu tragen. „Das nennt man Inflation.“ weiß ein Verladewichtel zu berichten, als er den großen Glühweintank befüllt und das Schnittchenpaket auf die Bank legt. Rudi torkelte vor den Schlitten und ließ sich einspannen, der Weihnachtsmann ließ sich auf die Bank sacken, beide nahmen noch einen kräftigen Schluck Glühwein und die Reise begann.

Des Weihnachtsmanns Becher war noch nicht geleert, als das Gefährt das erste Ortsschild passierte und von der Polizei herausgewunken wurde: „Guten Tag! Allgemeine Verkehrskontrolle. Schalten sie bitte den Motor ab! Den Führerschein, den Fahrzeugschein und den Personalausweis bitte!“ Der Weihnachtsmann schaute verwirrt. Hatte der Polizist wirklich gefordert, daß er den Motor abstellen soll? „Rudi, kurze Pause.“ brummte er in seinen Rauschebart, anschließend wechselte sein Blick verwirrt zwischen den beiden Polizisten hin und her.

„Den Führerschein, den Fahrzeugschein und den Personalausweis bitte!“ nervte der Polizist erneut. „Tut mir leid“, erwiderte der Rotkittel, „aber ich habe weder das eine noch das andere.“ „So? Sowas haben wir wohl nicht nötig.“ „Ja, bisher habe ich sowas noch nie gebraucht.“ „Aha, ein Scherzkeks sind wir also auch.“ Der Weihnachtsmann schaute ungläubig, sich fragend, was genau der Herr in Grün eigentlich von ihm will.

„Haben sie etwas getrunken?“ unterbrach der Polizist erneut das Schweigen. „Ja, ein paar Becherchen Glühwein.“ „Soso, ein paar Becherchen Glühwein haben wir also getrunken. Wären sie mit einer Alkoholkontrolle einverstanden?“ „Ja, das ist überhaupt kein Problem.“ antwortete der Weihnachtsmann, befüllte den Glühweinbecher und reichte diesen dem Wachmeister: „Probieren Sie ruhig, der ist gar köstlich.“ Der Polizist lief rot an, ganz offensichtlich stand er vor einem Wutausbruch. Drei. Zwei. Eins. „Was glauben Sie eigentlich, mit wem sie es zu tun haben? Der Spaß wird sie teuer zu stehen kommen!“

Der Weihnachtsmann zuckte zusammen. Er war zwar schon einige freche Kinder gewohnt, aber so etwas hat er noch nie erlebt. „Chef“, meldete sich der zweite Polizist zu Wort, „ich habe gerade das Rentier pusten lassen, das Meßgerät hat 2,3 Promille angezeigt.“ „2,3 Promille?“ rief der erste Polizist „Sind sie denn wahnsinnig, daß sie damit die Straßen unsicher machen?“ „Aber Rudi braucht doch eine rote Nase“, meinte der Rotkittel leicht verschüchtert, „und die hat er nur nach reichlich Glühwein.“ „Also wirklich ein Scherzkeks, was?“ Der Ingrimm des Polizisten war scheinbar noch steigerungsfähig. „Sie kommen mit aufs Revier!“ schrie er laut. „Und nehmen sie gefälligst diese alberne Maske ab!“

Er zog dem Weihnachtsmann am Bart. „Aua!“ schrie dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht und klopfte dem Polizisten auf die Finger. „Lassen sie das!“ rief er aufgebracht. „Ich habe für so einen Unfug keine Zeit, ich muß Geschenke verteilen, die Kinder warten.“ „Soso, wir halten uns wohl für den Weihnachtsmann?“ sagte der Polizist spöttisch. „Ich bin der Weihnachtsmann“ antwortete dieser voller Entrüstung. „Jaja“, entgegnete der Polizist, „und ich bin der Kaiser von China. Wissen sie, ich habe auch keine Zeit für so einen Unfug. Sie kommen jetzt mit aufs Revier!“

Der Polizist versuchte dem Weihnachtsmann Handschellen anzulegen, dieser jedoch löste sich aus seinem Griff und stieß ihn von sich. „Moment!“ sagte der Rauschebart und begann etwas in seinem Mantel suchen. Die Polizisten beobachteten den kramenden Rauschebart skeptisch, die Hände bereits an den Pistolen. Der Weihnachtsmann durchstöberte noch immer seine Manteltasche, die Anspannung der beiden Polizisten stieg von Sekunde zu Sekunde. Endlich schien er gefunden zu haben, wonach er suchte. „Machen sie bloß keine Dummheiten!“ warnte der Polizist. Unbeeindruckt holte der Weihnachtsmann einen Briefumschlag aus seinem Mantel und aus diesem wiederum ein Schreiben, welches er den Polizisten reichte. „Hier ist ein höchstamtliches Anschreiben an mich, das sollte mich ausweisen.“

Die beiden Polizisten studierten das Schreiben, in welchem der Weihnachtsmann aufgefordert wurde, seinen Schlitten abgasuntersuchen zu lassen, gründlich. Das war wirklich echt und amtlich, von einer richtigen Behörde. Da durften die Grünröcke nicht länger zweifeln, mußten die Existenz des Rotkittels anerkennen, akzeptieren. Der eine Polizist reichte das Schreiben an den Weihnachtsmann zurück, entschuldigte sich vielmals und wünschte noch einen guten Dienst. „Danke, gleichfalls!“ meinte der Rauschebart leicht knurrig und setzte seine Fahrt fort.

Diese verlief dann auch ohne weitere Zwischenfälle, abgesehen davon, daß der Glühweinvorrat schon nach der halben Strecke leer war, aber da der Weihnachtsmann überall Geschenke dagegen eintauschen konnte, war das kein wirkliches Problem. Wieder am Polarkreis angekommen, setzte sich der Alte in seinen Sessel, natürlich nicht, ohne einen Becher Glühwein in Reichweite zu haben, und steckte, das Feuer im Kamin anstarrend, sein Pfeifchen in Brand und freute sich darüber, die Arbeit hinter sich gebracht zu haben.

Nicht nur der Weihnachtsmann freute sich, sondern auch all die anderen Leute, denn sie hatten ja alle viele Geschenke bekommen. Nur zwei nicht näher benannte Personen freuten sich nicht, denn sie wurden nur mit Kohle beschenkt, mit der sie aufgrund ihrer Fernheizung überhaupt nichts anfangen konnten. Aber egal, in ein paar Tagen interessiert sich ohnehin niemand mehr dafür.