Weihnachtsmärchen 2003

Dicke Schneeflocken fielen durch die Polarnacht, mal einfach so, mal ließ der Wind sie ein wenig tanzen. Der Weihnachtsmann stand auf seiner überdachten Terasse, in der einen Hand sein geliebtes Pfeifchen, in der anderen der stets gut gefüllte Becher gefüllt mit köstlichem Glühwein. Eigentlich wechselte der Glühweinbecher ständig die Hand, denn er war viel zu warm, um in der Hand gehalten zu werden, wenn diese nicht, wie zu dieser Jahresezeit eigentlich üblich, in einem Handschuh steckte. Aber seine Handschuhe hatte der Rauschebart vor zwei Wochen in der Kneipe liegen gelassen und aus seinen guten Vorsätzen, sie wieder abzuholen oder sich wenigstens eine Notiz zu machen, ist nichts geworden. „Das wird ja eine schöne Bescherung.“ knurrte der Rauschebart und zog an seinem Pfeifchen.

Aber wir wollen es dem Weihnachtsmann nicht verübeln. Die Weihnachtszeit ist bekanntermaßen recht stressig. Aber zum Glück geht auch der Streß irgendwann einmal vorbei. Entspannt schaute der Rotkittel mit konzentriertem Blick durch das Schneegestöber ins Leere und freute sich. Er freute sich, daß es schneit. Es war lange Zeit gar nicht klar, ob es denn in diesem Jahr überhaupt schneien würde. Der Sommer war so extrem warm, daß sämtliche Schneevorräte aufgetaut waren und das Wetterwesen war nicht auf die Produktion von dermaßen viel Neuschnee vorbereitet. Ärgerlicherweise war auch die Wintersportindustrie nicht dazu zu bewegen, einen Teil ihres Kontingents abzutreten. „Nun ja,“ dachte der Weihnachtsmann, „heutzutage sind die Sitten rauher als Wetter. So ist halt die moderne Zeit.“

Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Becherchen, als er da gar merkwürdige Gesänge vernahm. Viel seltsamer erschien, daß diese merkwürdigen Gesänge vom Stall herkamen. Der Alte setzte sich widerwillig in Bewegung, wollte er doch eigentlich nur noch in seine Schlafkammer schreiten, aber er mußte nach dem Rechten sehen. Er stapfte also durch den Schnee, öffnete vorsichtig die Stalltür, erfaßte die Situation und trottete zurück zu seinem Haus. Er hätte ja auch gleich daran denken können, daß sich Rudi seine Nase durch Glühweinkonsum rot färbt und glückliche Rentiere singen nun mal, wenn sie getrunken haben.

Am nächsten Tag ging es dann los. Einfach so. Ohne Zwischenfälle. Seltsam, aber es sollte ja nicht lange so bleiben. Schon nach einigen Minuten bemerkte der Weihnachtsmann: „Rudi, wir müssen umkehren, ich habe meine Handschuhe vergessen.“ „Ja, Weihnachtsmann, ich weiß.“ entgegnete Rudi, „Du hast sie in der Kneipe liegen lassen und dort fahren wir jetzt auch hin.“ „Jetzt schon in die Kneipe? Sollen wir nicht eigentlich Geschenke verteilen?“ „Aber Weihnachtsmann, wir holen doch nur die Handschuhe.“ „Ach so.“

Nun war es wieder ruhig für ein paar Minuten, bis dem Rauschebart einfiel: „Rudi, meine Stiefel sind nicht geputzt.“ Leicht genervt fragte das Rentier: „Ja, und? Ist heute der 6. Dezember?“ „Ich weiß nicht? Ist?“ „Nein, Weihnachtsmann, ist nicht. Wäre, dann würdest Du nicht Geschenke verteilen müssen.“ „Hmm, stimmt auffallend.“ meinte der Weihnachtsmann und murmelte noch ein „Ich hasse es, wenn er recht hat.“ in seinen Bart.

Nachdem die vergessenen Handschuhe des Weihnachtsmannes geholt wurden, traf das Gefährt einige Tassen Glühwein später in der Zivilisation ein, der Schlitten wurde immer langsamer und hielt schließlich vor einem Haus an. Irgendetwas schien heute anders zu sein.

Der Weihnachtsmann schnappte sich seinen Sack, stapfte zum Haus und klopfte an die Tür. Nichts passierte. Der Weihnachtsmann klopfte ein zweites, ein drittes mal. Nichts. Gar nichts. Der Rotkittel zuckte mit den Schultern und schleppte den Sack zum Schlitten zurück.

„Rudi, die wollen keine Geschenke.“ „Nein,“ entgegnete das Rentier mit leicht zitternder Stimme, „irgendwie ist nur die Zeit stehen geblieben.“ „Die Zeit ist stehengeblieben?“ fragte der Alte verwundert. „Ach, so etwas gibt es doch gar nicht.“ Doch als er sich umsah, schien es, als wäre es wirklich so. Auf den ersten Blick sah es zwar so aus, als schneie es, aber der Schneefall war wie eingefroren. Still und starr hingen die Flocken in der Luft. Und es sah auch nur so aus, als rauche es aus dem Schornstein, der Rauch aber bewegte sich nicht. Und auch das Feuer der Kerzen stand still. Moment, in diesem Fall mußte das so sein, der Weihnachtsmann hatte elektrische Kerzen im Blickfeld gehabt.

So etwas hatte der Weihnachtsmann noch nicht erlebt, die Zeit stand tatsächlich still. „Weihnachtsmann!“ sprach da das Rentier entschlossen, „Warum ist die Zeit stehen geblieben? Weil A eine bösartige Verschwörung im Gange ist oder weil D die Wichtel in der Zeitverwaltung besoffen sind und sich einen Spaß daraus machen, den großen Zeiger festzuhalten?“ „Was ist denn mit B und C?“ fragte der Rotkittel zurück. „Ach, Weihnachtsmann, wir wissen doch beide, daß du immer zuerst den 50-50-Joker einsetzt und ich wollte etwas Zeit sparen.“ „Zeit sparen? Wo sie doch still steht? Naja, von mir aus. Dann mööchte ich jetzt das Publikum befragen.“ Das Rentier blickte finster drein und schon nach wenigen Sekunden begriff der Rauschebart, daß das Publikum mit der Zeit stehengeblieben ist und daher seine Meinung nicht äußern kann.

„Hmm.“ überlegte der Weihnachtsmann laut, „Verschwörung hatten wir schon vor drei Jahren, da ist die Zeit eigentlich noch nicht reif für eine neue. Ich möchte jemanden anrufen.“ „Wen denn?“ „Den wachhabenden Wichtel der Zeitverwaltung.“ Der Rauschebart griff sich seinen tragbaren Fernsprecher, wählte die Nummer der Zeitverwaltung und begann zu warten. Es klingelte und ein paar Klingelzeichen später kam auch schon eine Verbindung zustande: „Zeitwichtel Zacharias am Apparat. Was kann ich für sie tun?“ tönte es gelangweilt durch die Leitung. „Hier ist der Weihnachtsmann.“ brummte der Rotkittel in den Hörer. „Oh, welch seltene Ehre.“ antwortete der Wichtel. Er wirkte leicht aufgeschreckt. „Was kann ich für dich tun, Weihnachtsmann?“ „Sag mal, Zacharias, kann es sein, daß irgendetwas mit der Zeit nicht stimmt?“ „Was soll denn mit der Zeit nicht stimmen?“ „Naja, es könnte doch sein, daß irgendetwas mit der Zeit nicht stimmt.“ „Hmm, also hier sieht alles gut aus.“ „Nun gut,“ brummte der Rauschebart, „dann will ich mal nicht weiter stören. Ich wünsche noch einen ruhigen Dienst.“ „Danke, gleichfalls.“ Der Weihnachtsmann war verwirrt. In der Zeitverwaltung war alles in Ordnung. D konnte es also nicht sein.

„Rudi!“ rief der Weihnachtsmann, „Ich persönlich kann mir eine erneute Verschwörung gegen Weihnachten zwar nicht wirklich vorstellen, aber ich vertraue Zacharias. Meine Antwort lautet also A, eine bösartige Verschwörung. Laß uns nach dem Bösewicht suchen und ihn mit Kohle beschenken!“ „Bist Du Dir da ganz sicher?“ „Nein, aber uns läuft die Zeit davon, d.h. sie läuft uns eben nicht davon und deswegen müssen wir handeln.“ „Du bleibst also bei A?“ „Ja.“ „Gut, dann logge ich das mal ein.“

Das Rentier loggte gerade die Antwort ein, als da plötzlich des Weihnachtsmanns Mobiltelefon schellte. Der Rotkittel nahm das Gespräch entgegen, sein Gesicht verfinsterte sich nach und nach. Am anderen Ende der drahtlosen Leitung war erneut der Zeitwichtel Zacharias, der dem Rauschebart nun gestand, daß er vorhin, also während seiner Dienstzeit, ein Nickerchen gehalten hat und die restlichen Zeitwichtel sich aus lauter Langeweile mit Glühwein betrunken haben und es für sehr lustig empfanden, den großen Zeiger festzuhalten.

Der Weihnachtsmann war außer sich. „Ihr Mistwichtel!“ fluchte er ins Telefon. „Wegen euch hat Rudi jetzt die falsche Antwort eingeloggt und ich habe verloren. Laßt wenigstens den großen Zeiger wieder los!“ „Jawohl, Weihnachtsmann!“ antwortete der eingeschüchterte Zeitwichtel. Das Telefonat war beendet. Wenige Sekunden später lief die Zeit wieder, die Schneeflocken setzten ihren Tanz fort, der Rauch seinen Aufstieg. Nur die elektrischen Kerzen leuchteten nicht mehr, die übermäßige Weihnachtsillumination brauchte mehr Strom, als für die Sicherung gut war.

„Tja, Weihnachtsmann,“ meinte da das Rentier, „da hast du dich falsch entschieden und verloren. Da darfst du die Geschenke nicht behalten und mußt sie doch verteilen.“ „Das ist gemein, Rudi, ich will auch mal Geschenke.“ „Du hast doch schon am 6. Dezember etwas vom Nikolaus bekommen, trotz ungeputzter Stiefel. Nun sei ein anständiger Weihnachtsmann und verteile die Geschenke! Und danach fahren wir in die Zeitverwaltung und machen mit den Zeitwichteln den restlichen Glühwein nieder.“ „Das ist ein sehr guter Plan.“ lobte der Rotkittel. „So machen wir das.“

Und so machten sie es dann auch. Die Zeit lief weiter, die Geschenke wurden verteilt und anschließend die Zeitverwaltung angesteuert. Und während die meisten schon überlegen, wie sie ihre Geschenke am besten umtauschen können, wird in der Zeitverwaltung der Glühwein erhitzt.