Weihnachtsmärchen 2002

Dicke Flocken fielen durch die Polarnacht. Sie fielen von oben nach unten, aber nicht nur das. Nein, sie flogen auch in alle anderen Richtungen, denn der Wind sorgte für so ein richtig ungemütliches Winterwetter, daß man eigentlich nichtmal ein witterungserfahrenes Rentier vor die Tür jagen möchte.

Da war es innen schon viel angenehmer: Der Geruch von Glühwein lag in der Luft, im Kamin knisterte ein Feuerchen und der Weihnachtsmann saß in seinem gemütlichen Sessel, schmauchte sein Pfeifchen und nahm hin und wieder ein Schlückchen aus seinem Glühweinbecher und hätte vermutlich auch den lieben langen Tag so weitergemacht, wenn der Tag nicht gerade der 24. Dezember gewesen wäre und der Rauschebart nicht im Gegensatz zum Großteil der restlichen Bevölkerung arbeiten müßte. Aber bis dahin waren noch ein oder zwei Becherchen Glühwein Zeit. (Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß die Bezeichnung Rauschebart nicht vom Glühweinkonsum herstammt.)

Gar plötzlich wurde diese gemütliche Ruhe durch den schellenden Fernsprecher des Weihnachtsmannes gestört, der Stallwichtel war am anderen Ende der Leitung: „Weihnachtsmann, wir haben ein Problem.“ „Ich habe es gewußt! Ich habe es gewußt!“ rief der Weihnachtsmann in den Hörer. „Kann denn nicht einmal der Tag ohne Probleme über die Bühne gehen?“ Der Weihnachtsmann fluchte noch etwa fünf Minuten in das Telefon, was aufgrund seiner Lautstärke eigentlich auch ohne gegangen wäre und schloß mit „Ich möchte einmal mit Profis arbeiten.“

„Weihnachtsmann,“ erwiderte der Stallwichtel eingeschüchtert, „der Glühwein ist alle und Rudis Nase ist noch nicht richtig rot. Könn…“ „Stallwichtel, das ist in der Tat ein Problem, aber ich habe eine Idee. Wir gehen einfach zum Dorfclown und borgen uns seine rote Nase. Clowns haben sowas.“ „Weihnachtsmann,“ meinte da der Stallwichtel, „die Idee an sich ist perfekt, jedoch ist die Person, die du immer Dorfclown nennst, der Bürgermeister und kein Clown. Du bräu…“ Der Rotkittel unterbrach ihn abermals: „Dann sprich Rudi auf das peinliche Ereignis der letzten Woche an!“ „Hmm, das würde er im Gesicht sicher rot werden, aber es soll ja nur die Nase rot werden.“ entgegnete der Stallwichtel.

‚Das ist das Ende.‘ dachte der Weihnachtsmann und fragte den Stallwichtel, ob er denn nicht eine Idee hätte. Der Stallwichtel hatte tatsächlich einen Vorschlag zu unterbreiten: „Könntest Du bitte dem diensthabenden Küchenwichtel sagen, daß er einen neuen Topf Glühwein bereitet? Ich wollte ihn zwar anrufen, aber die Leitung war ständig besetzt.“ „Geht klar.“ brummte der Weihnachtsmann in den Hörer und der Stallwichtel dankte artig.

Der Weihnachtsmann tappte in die Küche, ertappte dort den telefonierenden Wicht und schilderte ihm den Ernst der Lage. Der erschrockene Wichtel beendete das Telefonat im Handumdrehen und setzte Glühwein an. Der Weihnachtsmann schritt zurück in sein Arbeitszimmer, ging noch einmal seine Liste durch und prüfte, daß er auch alle Geschenke eingepackt hat. Dann zog er sich Stiefel und Mantel an, packte seine Thermoskanne voll Glühwein in den Schlitten und trat die Reise an.

Zumindest war es so angedacht, es ging aber nicht vorwärts. Rudi war plötzlich nicht mehr da. ‚Ich habe doch nur eben die Tür abgeschlossen.‘ dachte der Weihnachtsmann. Ein paar Minuten später klärte sich das spontane Verschwinden des Rentiers auf, der viele Glühwein drückte auf die Blase, so daß er noch mal kurz… Naja, man kennt das ja.

Nun ging die Reise auch endlich los und ohne weitere Zwischenfälle kam er auch schon bald beim ersten Kunden an. Mist. Er wollte sie doch nicht so nennen. Aber es passiert halt immer mal wieder. Ich meine, wenn schon regelmäßig statt „Wunschzettel“ „Bestellung“ auf den Wunschzetteln steht, dann darf man sich darüber nicht mehr wirklich wundern. Er griff sich seinen Sack und stapfte damit zum Haus.

Er klingelte, die Tür ward geöffnet und es gab einen herzlichen Empfang. Der Weihnachtsmann erklärte, um das Protokoll zu erfüllen, daß er von drauß, vom Walde herkommt und es sehr weihnachtet.

Anastasia war überzeugt davon, daß sie das ganze Jahr artig war, und wußte obendrein noch ein Gedicht, mit dem sie den Weihnachtsmann beglücken wollte:

Weihnacht

Es fällt der Schnee in dicken Flocken,
doch hier ists warm, doch hier ists trocken.
Und voller Freude sind die Herzen,
denn im Lichterschein der Kerzen
sind vergessen Leid und Schmerzen.
Von fern klingen die Schlittenglocken.

Ein rotnasig Rentier naht heran,
im Schlitten sitzt der Weihnachtsmann.
Den Braven bringt er die Geschenke.
Das Rentier labt sich an der Tränke.
Den Bösen aber, das bedenke,
zeiget er die Rute dann.

Der Weihnachtsmann war ganz begeistert vom Gedicht und lobte das kleine Mädchen mehrfach dafür. Dann packte er seinen Sack, setzte sich in seinen Schlitten und die Fahrt fort.

„Weihnachtsmann,“ meinte Rudi nach ein paar Metern, „war denn die kleine Anastasia nicht artig?“ „Im Gegenteil, lieber Rudi, ganz im Gegenteil.“ erwiderte der Rauschebart, „Sie hat sogar ein gar hübsches Gedicht aufgesagt.“ „Warum hast Du dann wieder den vollen Sack zurückgebracht?“ „Habe ich das?“ „Ja, hast Du.“ „Hmm,“ meinte da der Rotkittel, „das erklärt natürlich, warum die ganze Familie so verwirrt dreinblickte, als ich das Haus verließ. Was meinst Du? Sollen wir umkehren oder geben wir die Geschenke einfach nächstes Jahr mit ab?“ „Ich weiß nicht. Was sind es denn für Geschenke?“ „Kleidung, CDs, Schokolade und sowas.“ „Dann kehren wir besser um, nächstes Jahr passen die Klamotten doch nicht mehr und die Musik ist auch schon wieder out.“ „Ja, Rudi, da hast Du wohl recht.“

Der Weihnachtsmann kehrte also zurück und fand die noch immer entsetzte Familie vor, sie standen wie bei seiner Abfahrt mit offenem Mund und wirren Blick vor dem Haus, so, als wären sie in der Kälte erstarrt. Der Weihnachtsmann schob die gekühlte Familie zurück ins Haus und flößte ihnen dort Glühwein ein. Nach und nach kamen alle wieder zu sich und der Weihnachtsmann entschuldigte sich für den peinlichen Vorfall. Nun gab es auch endlich Geschenke und das Weihnachtsfest wurde fröhlich fortgesetzt.

Der Rest der Bescherungen verlief dann zum Glück ohne weitere Zwischenfälle. Der Weihnachtsmann sitzt wieder in seinem Sessel und trinkt Glühwein, der Rest der Welt überlegt, in was er denn die Geschenke umtauschen wird.