Weihnachtsmärchen 2001

„Hey, aufwachen!“ Der Weihnachtsmann gähnte herzlich, blickte sich müde um, dreht sich zur Seite und machte die Augen wieder zu. „Weihnachtsmann, die Kinder warten.“ Der Weihnachtsmann schlug die Augen wieder auf. „Aber nicht doch jetzt schon. Es ist doch noch dunkel.“ Der Wichtel ließ nicht locker: „Klar doch. Es muß ja auch dunkel sein. Wir haben Polarnacht.“ – „Und mein Schädel brummt. Ich glaube, mein Kopf ist ein Bienenstock.“ – „Ach was, das ist nur der Kater. Ein, zwei Aspirin und gut ist.“ – „Kater?“ – „Natürlich, Rudi brauchte doch – wie jedes Jahr – eine rote Nase und er wollte einfach keinen Glühwein trinken. Dann wolltest Du ihn animieren und ihr habt dann zehn Liter Glühwein vertilgt. Rudi hat die ganze Nacht schweinische Lieder gesungen und Du hast so gesägt, daß in Lappland kein Baum mehr steht.“

„Ich mag aber nicht aufstehen.“ meinte der Weihnachtsmann. „Los, raus aus den Federn! Du wirst erwartet.“ – „Ich will nicht. Die Kinder warten doch auch später noch. Können wir die Geschenke nicht morgen verteilen?“ Der Weckwichtel machte ein ernstes Gesicht und redete dem Rauschebart ins Gewissen: „Wenn Du heute nicht bescherst, verlierst du deine Lizenz und bekommst auch von der EU keine Fördermittel mehr.“

Er hatte es dann auch gleich eingesehen und stand auf, schlurfte ins Badezimmer, wusch sich, kämmte sich Haar und Bart, entfernte mit seinem Bügeleisen die letzten Falten aus seinem roten Mantel und hoffte, daß der angesetzte Glühwein ihn wieder munter macht.

Die Wichtel weckten derzeit Rudi, schoben in vor den Schlitten und packten die Geschenke in jenes Gefährt. Der Weihnachtsmann kam auch schon mit seiner Thermoskanne und es konnte endlich losgehen.

Naja, fast. Rudi flog erst zweimal auf die Nase statt in die Luft, aber dann ging es wenigstens vorwärts. Es gab nicht einen einzigen Stau. (In fliegenden Schlitten, die von Rentieren mit roten Nasen gezogen werden, zu reisen, wäre die Lösung für die Zukunft, aber leider kann das immer nur einer und das ist nun mal der Weihnachtsmann.)

Nach kurzer Reisezeit – gerade mal ein Becher Glühwein – kam der Weihnachtsmann in der Zivilisation an, schaute auf das Schild an der Tür und stellte fest: „Hmm, Schröder, Maria, steht auf der Liste, da muß ich wohl mal klingeln.“ Gesagt, getan, er schellte an der Pforte, ihm ward geöffnet und von der Familie voller Freude in die Stube geführt.

„Na, gut.“ meinte der Rotkittel. „Machen wir es kurz. Kannst Du ein Lied singen oder ein Gedicht aufsagen oder möchtest Du Deine Geschenke gleich so haben?“ Die kleine Maria war entsetzt. Die ganze Familie war entsetzt. So etwas hatte wahrlich noch niemand erlebt.

Die Oma sprang auf und zog den Weinachtsmann auf den Flur, wo sie ihn dann auch zu Rede stellte: „Mir ist durchaus bewußt, daß sich die Zeiten geändert haben. Weihnachten ist eine lästige Pflichtveranstaltung der Völlerei und Trinkerei geworden, dennoch kann es nicht angehen, daß ein Weihnachtsmann seine Ideale vergißt und den Kindern ihre Illusionen nimmt.“

Er hatte es auch gleich eingesehen und betrat erneut die Stube:

Hohoho, da bin ich wieder,
denn ich war schon einmal hier.
Der Glühwein haute mich darnieder,
ein Weihnachtsmann, der trinkt kein Bier.

Die kleine Maria war verwirrt und schaute gar ungläubig, der Rest der Familie schlug sich die Hände vor die Gesichter und war kurz vor einem weiteren Urschrei.

Und auch Schnaps mag ich nicht sehr.
Obwohl, nach einem guten Essen,
wo’s Braten gibt und noch viel mehr,
mag ich ihn nicht wirklich missen.

Nun war alles aus. Der dicke Vater fluchte, die Mutter nahm das verschreckte Kind in den Arm und versuchte, es zu trösten, und die Großmutter schüttelte verständnislos den Kopf.

Weihnachten schien gelaufen, doch der Weihnachtsmann, der aufgrund Glühweinmangels langsam wieder zu Bewußtsein kam, merkte scheinbar doch noch etwas:

Doch davon will ich jetzt nicht reden,
vom Walde draußen komm ich her.
Ich weiß, ihr könnt es nicht mehr hören,
doch gehörts dazu und noch viel mehr.

Ihr glaubt, ihr müßt nur Glühwein trinken
und Buden auf den Marktplatz stellen.
Glühwein, Spielzeug, Fisch und Schinken
werden das Gemüt bestimmt erhellen.

Der Weihnachtsmann machte eine kurze Pause, die Familie schaute verwirrt, gespannt, fasziniert, erschrocken, was auch immer…

Es gehört viel mehr dazu.
Weihnachten bedeutet Leben.
Was ist denn mit Bastelei,
malen, schneiden, falten kleben?

Oder was ist mit Gesang?
Oder auch nur ein Gedicht?
So einen gar schönen Klang
hörte ich schon lange nicht.

Die Familie schaute betroffen, der Weihnachtsmann fuhr fort:

Doch ich will nicht weiter klagen,
vielmehr ein Vorbild will ich sein,
gerade jetzt, in diesen Tagen,
möchte ich nochmal verzeihen.

So möchte ich, daß ihr jetzt singet,
tanzet, lachet und auch springet,
daß ihr euch von Herzen freut,
denn wir haben Weihnachtszeit.

Jetzt will ich ein Lied wohl hören,
Maria, oder ein Gedicht.
Die braven Kinder bekommen Geschenke.
Die bösen? Nein, die eher nicht.“

Der Abend war gerettet. Maria trug ihr Liedlein vor und bekam dafür einen großen Sack voller Geschenke, worüber sie sich auch sehr freute und dem Weihnachtsmann deswegen auch um den Hals gefallen wäre, wenn sie nur die entsprechende Größe gehabt hätte. So konnte sie nur versuchen, des Weihnachtsmannes dicken Bauch zu umfassen, was ihr leider nicht gänzlich gelang, der Weihnachtsmann aber wohl zu würdigen wußte.

Die Familie Schröder freute sich und ließ sich die Worte des Weihnachtsmannes eine Lehre sein, ebenso wie auch viele andere Familien an diesem Tag, auch wenn es nächstes Jahr vermutlich wieder völlig anders aussehen wird.