Weihnachtsmärchen 2000

Es war einmal wieder Dezember, die Sonne hatte sich schon lang nicht mehr blicken lassen und alles, was in der Gegend vorbeikam, war das Postauto. Dafür kam es aber genau in dem Rhythmus wie im Sommer die Reisebusse, denn die meisten Kinder haben nach jeder Werbepause ihren Wunschzettel komplett erneuert.

Die Wichtel schwitzten und rotierten und damit hörten sie auch erst auf, wenn sie deswegen des Gleichgewicht verloren und unsanft durch die Wand abgebremst wurden. Aber kaum lagen sie da, standen sie wieder auf und drehten weiter, denn sie wußten genau, daß ein moderner Dienstleister wie der Weihnachtsmann sich keine Ausfälle erlauben durfte.

Die Rentiere planten die Routen und ärgerten sich darüber, daß der Weihnachtsmann das Überbringen der Geschenke keinem Kurierdienst überläßt und auch darüber, daß Rudi so laut schnarchte. Rudi lag schon wieder besoffen im Heu, aber die Nase war wenigstens wieder rot und darauf kommt es ja schließlich an.

Der Weihnachtsmann jedoch saß vor seinem Schreibtisch, schmauchte ein Pfeifchen und füllte gerade seinen Glühweinbecher, als da gerade das Postauto erneut um die Ecke bog. Schon wieder kamen säckeweise Briefe, der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf und stöhnte leise auf. Aber es kamen nicht nur neue Wunschzettel, sondern auch ein Paket. Ein Paket, an den Weihnachtsmann höchstpersönlich adressiert.

Der Weihnachtsmann sagte brav sein Gedicht auf, nahm das Paket entgegen, quittierte den Empfang und trottete zu seinem Schreibtisch zurück.

Der Weihnachtsmann war verwundert. Zum einen, weil er eigentlich nie Pakete bekommt, zum anderen, weil er noch nie ein Gedicht aufgesagt hatte, um ein Paket zu erhalten. Letzteres interessierte ihn auch nicht weiter, aber dieses Paket hatte durchaus sein Interesse geweckt.

Es war gut verpackt und der Weihnachtsmann fluchte, weil er das Paket erst gar nicht aufbekam, es dann aber mit einem Ruck so öffnete, daß das ganze Styroporgelumpe durch sein Büro flog.

Aber wenige Augenblicke später ärgerte er sich über etwas ganz anderes, nämlich über den Inhalt. Das erste, was er da erblickte, war ein Mobiltelefon und zu solchen Geräten hat der Weihnachtsmann seit seiner letzten Handyrechnung ein gespaltenes Verhältnis. Außerdem befand sich noch ein Brief im Paket, welchen er auch sogleich griff und las:

Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann,

wir sind ein führendes Unternehmen der mobilen Telefonie und möchten Ihnen dieses Telefon mit einem Startguthaben von 50 Mark schenken.

Außerdem haben wir noch ein weiteres tolles Angebot an Sie: Sie machen ab sofort Urlaub in der Südsee, können surfen, Wasserski fahren, … und wir sorgen wir die Bescherung.

Mit freundlichen Grüßen,

[unleserlich]

Plötzlich schreckte der Rauschebart hoch, denn das Mobiltelefon fing zu piepsen an. Er äugte vorsichtig auf das Display und entschied sich dann, nicht ranzugehen, denn die Anzeige meinte „Unbekannter Teilnehmer“ und der Weihnachtsmann hatte Angst vor obszönen Anrufern.

Das Handy hörte aber recht bald auf mit der Piepserei, dafü:r schellte aber die Glocke des Festnetztelefons.

Weihnachtsmann: Wunderschönen guten Tag, Santa Claus Dienstleistungen. Was kann ich für sie tun?
Anrufer: Warum gehen Sie denn nicht an ihr Handy ran?
Weihnachtsmann: Mit wem spreche ich denn, bitte?
Anrufer: Haben sie über unser Angebot nachgedacht?
Weihnachtsmann: Ich lehne ab. Ersten weiß ich ja noch immer nicht, mit wem ich es zu tun habe und zweitens weiß ja jedes Kind, daß es keinen Glühwein auf Hawaii gibt und ohne Glühwein mag ich nirgendwo sein. Außerdem, also drittens, freue ich mich schon das ganze Jahr auf das Verteilen der Geschenke und da lasse ich mir nicht reinreden.
Anrufer: Sie wollen also unsere Pläne vereiteln^W^W^W^W^W^W Wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen? Überlegen sie doch mal: Wir schenken jedem Menschen eins unserer tollen Handy-Startpakete und erlangen so die Weltherrschaft^W^W^W^W machen so alle Menschen glücklich.
Weihnachtsmann: Ich sagte doch schon: Nein. Und wenn ich das so sage, meine ich das auch so.
Anrufer: Sie werden schon sehen, was sie davon haben, Weihnachtsmann. Wenn sie morgen unterwegs sind, werden sie ihre Entscheidung bereuen.

Und es kam, es war ja auch nicht anders zu erwarten, der 24. Dezember aka Heiligabend. Der Weihnachtsmann packte seine sieben Sachen (es waren zwar wesentlich mehr, aber man sagt halt so), spannte seine Rentiere ein und begann seine Reise.

Nachdem sie ein paar Minuten unterwegs waren, begann ein gar bösartiger Schneesturm, so daß man die Hand vor Augen nicht sah und sich die dicke Bommelmütze tief ins Gesicht ziehen mußte. Da läutete das Funktelefon:

Weihnachtsmann: Ja?
Böser Anrufer aus dem ersten Telefonat: Na, wie gefällt Dir das?
Weihnachtsmann: Wie gefällt mir was?
Böser Anrufer aus dem ersten Telefonat: Das Wetter, Weihnachtsmännchen. Wir haben sämtliche Wettersatelliten in unserer Gewalt und können nun das Wetter an allen Stellen der Erde kontrollieren.
Weihnachtsmann: Ja, und?
Böser Anrufer aus dem ersten Telefonat: Wie, das stört Sie nicht?
Weihnachtsmann: Nö.
Böser Anrufer aus dem ersten Telefonat: Grrr.

Jaja, wenn man wirklich true evil böse sein und die Welt beherrschen will, darf natürlich nicht vergessen, daß Rudis Nase bei jedem Wetter hervorragende Navigationsdienste leisten kann und der Weihnachtsmann bei solchem Mistwetter aufgewachsen ist.

Die Reise ging also weiter und der Sturm ging auch bald zu Ende, denn schließlich war es Heiligabend und da wird nur halbtags gearbeitet. Auch im Wetterwesen.

Der Schlitten näherte sich langsam der Zivilisation, der Weihnachtsmann trank sich Mut an (zumindest behauptete er das) und blickte auf seine Liste, wo denn jetzt beschert wird. Das stand zwar nicht auf der Liste, aber dafür klingelte (ja, schon wieder) der tragbare Fernsprecher:

Weihnachtsmann Was denn?
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat: Gratulation, Weihnachtsmännchen, bis hierhin hast du es ja schon geschafft, aber jetzt wirst Du scheitern und wie Du scheitern wirst. Ich sage dir, so bist du noch nie gescheitert. Weihnachtsmännchen, was sagst du dazu?
Weihnachtsmann: Entschuldigen Sie aber, aber darf ich fragen, woran ich scheitern werde?
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat: Klar doch, nur zu!
Weihnachtsmann: Woran werde ich denn scheitern?
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat: Wir haben sämtliche Kamine entfernt und durch tolle Heizkörper ersetzt. Du kommst also nicht mehr in die Häuser rein.
Weihnachtsmann: Was denn, was denn? Das soll schon alles sein?
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat: Wie jetzt? Das stört Dich nicht?
Weihnachtsmann: Nö.
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat: Grrr.

Jaja, wenn man wirklich true evil böse sein und die Welt beherrschen will, darf natürlich nicht vergessen, daß der Weihnachtsmann schon seit Jahren zu dick für Schornsteine ist und deshalb wie jeder normale Mensch Häuser durch Türen betritt.

Der Weihnachtsmann setzte zur Landung an, landete dann auch, parkte seinen Schlitten, schnappte sich den Geschenkesack und stampfte zu Tür.

Er überprüfte nochmal den Sitz seiner Kleidung und klopfte dann entschlossen an die Tür. Das Licht ging an, das Portal ward geöffnet und, jaja, ihr ahnt es schon, das dumme Mobiltelefon nervte schon wieder.

Weihnachtsmann: Was ist denn jetzt schon wieder?
Böser, böser Anrufer aus dem ersten sowie aus dem zweiten Telefonat, der zwar auch das dritte Telefonat geführt hat, danach aber etwas verzweifelt war, ob seines Mißlingens und nun zum endgültigen Schlag ausholen will: Hohoho, Weihnachtsmännchen!

Draußen vom Walde kommst Du her,
behauptest doch glatt: Es weihnachtet sehr!
Statt naturgrünen Tannenspitzen
Sehe ich nur Elektrolicht blitzen.
Seegenreiche Weihnachtszeit?
Streß und Hektik weit und breit,
Geschenke für die Eitelkeit,
Neid und Haß und Zank und Streit.
Wer glaubt denn noch daran?
Ich meine, an den Weihnachtsmann?
Ausgedient hast Du, Rauschebart!
Du bist zwar nett, doch die Zeit ist hart.
Was heißt, die Zeit? Wer hat sie denn noch?
In keinem Terminplan ist noch ein Loch.
Alter, es ist Zeit zu gehen.
Ich weiß, Du kannst das nicht verstehen.
Ich werde ein großer Weltherrscher sein
Und alles blickt zu mir herauf
Ich sag Dir, Santa, das wird fein.

Der Weihnachtsmann legte einfach auf. Jaja, wenn man wirklich true evil böse sein und die Welt beherrschen will, darf natürlich nicht vergessen, daß der Weihnachtsmann sich bei solch unsinnigen Reimen entspannt und ein Lachen kaum unterdrücken kann. „Hohoho!“ ruft der Rauschebart und man hört, wie ein kleines Mädchen ruft: „Mami, Papi, der Weihnachtsmann ist da. Omi, Opi, kommt schnell…“

Der Weihnachtsmann verteilte an diesem Abend und in der Nacht ohne weitere Zwischenfälle die Geschenke und alle feierten ein fröhliches Weihnachtsfest.

Zu Hause angekommen, stopfte sich der Weihnachtsmann erstmal ein Pfeifchen, setzte neuen Glühwein an und legte die Beine auf den Tisch. Der Aktienkurs des führenden Unternehmens der mobilen Telefonie ging in den Keller, weil die Aktionäre ihre Wertpapiere in Lebkuchen eintauschten und ohnehin keiner mehr an die Weltherrschaft glaubte. Aber eigentlich spielt das keine große Rolle mehr, denn ab 27. denkt keiner mehr daran, weil erstmal die Geschenke umgetauscht werden müssen.