Weihnachtsmärchen 1999

Es war einmal vor langer Zeit und – was eigentlich noch viel schlimmer ist – es passiert alle Jahre wieder. Aber beruhigt Euch, ich werde nur einmal davon erzählen, denn es gibt viel zu tun, in dieser Zeit. Leider.

Es ist dunkel geworden am 66,5 Breitengrad (n.B.) und nördlich dessen noch viel dunkler, aber das ist ja nichts ungewöhnliches, denn das passiert dort alle Jahre wieder. Die Dunkelheit (http://www.darkness.org) macht die Leute depressiv – sie schütten sich entweder mit Kaffee (http://www.kaffee.de) voll oder tun etwas für die Statistik und beenden vorzeitig ihr trauriges Leben (http://www.suicide.org). Andere haben die Hoffnung (http://www.hope.org) noch nicht aufgegeben und hoffen auf einen fleißigen Weihnachtsmann (mailto:santa.claus@santaclausoffice.fi), der ihnen viele Geschenke (http://www.present.com) bringt. Manche lernen es halt nie.

Um das nachvollziehen zu können, müssen wir uns in ein kleines Dorf neun Kilometer nördlich von Rovaniemi (http://www.rovaniemi.fi) begeben, wo der weiße Rauschebart sein Büro hat. Im Sommer ist hier jede Menge los. Da kommen ständig neue Touristen (im Bus frei Parkplatz) an, um den nördlichen Polarkreis zu überschreiten und sich dies zertifizieren zu lassen.

Aber sobald es polardunkel wird beginnt das Desaster. Mit den ausbleibenden Gästen fallen auch die Vorstellungen aus, in denen der Weihnachtsmann die Kinder auf den Schoß und ihnen den Wunschzettel abnimmt.

Es ist also dunkel und es gibt nichts zu tun. Nichts zu tun? Ja, nichts zu tun. Das Bescherungswesen hat er an die Spielzeug-, Naschwaren- und Krawattenindustrie outgesourct und die Weihnachtsmärkte buchen auch lieber Studenten als eine Fachkraft.

Frustriert und motivationslos gießt er sich einen weiteren Becher Glühwein ein, als da plätzlich eine eMail auftaucht:

From: julia********@************ (Julia ********) [Datenschutz!]
To: santa.claus@santaclausoffice.fi (Weihnachtsmann)
Subject: Eine kleine Bitte

Lieber, guter Weihnachtsmann!

Ich maile Dich heut einmal an.
Hier ist nur Hektik weit und breit,
doch alle nennen das Weihnachtszeit.

Der Weihnachtsbaum ist bunt geschmückt,
doch niemand ist so recht entzückt,
denn das Stromsparlampenlichterkettenlicht
ist so gemütlich nun auch wieder nicht.

Weihnachtslieder singt hier nur
ein auf CD gebrannter Chor.
Und keiner sagt Gedichte auf
oder liest Märchen von Grimm oder Hauff.

Hier piepts und blinkts nur überall,
Geht was kaputt, gibts auch mal nen Knall.
Bestimmt gibt es vom Supermarkt
Standardplätzchen und Kartoffelsalat.

Wie früher müßte es wieder sein,
mit dem rotbenasten Rentier und Kerzenschein.
Ich wünsche mir, auch Du bist da.
Komm bitte vorbei!

                   Deine Julia

Der Weihnachtsmann holte sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, doch war er nicht mehr so deprimiert wie zuvor. Im Gegentum, sein Gesicht hellte merklich auf.

„Rudi!“ schrie er, „Rudi, komm her!“ Auch wenn er es sich gerade bequem gemacht hatte, stand er – widerwillig – auf und trottete zu seinem Heugeber. „Rudi, die Menschheit verlangt nach uns. Bereite Dich vor, morgen brechen wir auf!“

Das Rentier wußte nur zu gut, was das bedeutet: Glühwein trinken, bis die Nase rot ist und dann wieder über dieses widerliche Glatteis torkeln. Aber immer noch besser, als sich wieder das Weihnachtsprogramm des öffentlichen Fernsehens reinzuziehen.

Der große, frisch mit Glühwein gefüllte Topf steht bereits auf dem Ofen und der Weihnachtsmann sucht in seiner Zettelwirtschaft nach der Telefonnummer von Frau Holle. Früher hatte er die mal in irgendeinem Computerprogramm, aber nach dem dies mit der unentgeltlichen Zusatzleistung Datenverlust abstürzte, stieg er wieder auf Papier um.

Allerdings kam ihm dann in den Sinn, daß es per Internet viel einfacher und preiswerter ist, als mit der 0190er – Nummer, denn so kostete seine 5000 mm – Neuschnee – Order nur 19,50. Außerdem könnte er sich dabei gleich die günstigste Reiseroute ermitteln lassen.

Am nächsten Morgen, als die Fahrt begann, stellte sich der ermittelte Reiseroute als unbrauchbar heraus: Es wurde einfach nicht berücksichtigt, daß der Schlitten fliegt und sich somit die Luftlinie als kürzeste Verbindung erwies. Der Flug verlief größtenteils ohne Zwischenfälle, nur bereicherte Rudi die Böden mit den Nährstoffen aus seinem Frühstück, aber Glühweinmüsli ist einfach zuviel für ein ungeübtes Rentier.

Kaum angekommen, schwang sich der Weihnachtsmann aus seinem Schlitten, stapfte hastigen Schrittes zur Haustür, bemerkte, daß er den Sack mit den Geschenken im Schlitten hat liegen lassen, holte diesen geschwind und klopfte an die Tür.

Er war aufgeregt, sehr aufgeregt. Immerhin war er seit einigen Jahren aus der Übung und als die Tür dann aufging hätte er fast statt „Vom Walde draußen…“ „In Deiner Mail vom…“ gesagt. Aber er konnte das Gedicht fast ohne Aussetzer wiedergeben und ward fröhlich begrüßt und eingelassen.

Julia zog den Weihnachtsmann hinter sich her ins Wohnzimmer und schrie: „Guckt mal, wer hier ist!“ Vater erblaßte und ließ den Telefonhöhrer fallen (ja, das Handy auch), die Oma rutschte ein Stück zur Seite und bot dem Weihnachtsmann etwas Stolle an und die Mutter zupfte aufgeregt an dem Kleinen herum, welcher richtig erkannte: „Ohh, der Weihnachtsmann!“ Der war vielleicht froh, daß er doch noch ein Weihnachtsgedicht auswendig gelernt hatte.

Draußen ist ruhig geworden, man hört lediglich die Klingel vom Schlitten, der durch den Schnee fährt, welcher immer noch vom Himmel fällt. Rudi hat sein Magenproblem überwunden und auch all die anderen Menschen waren plötzlich glücklich und zufrieden und werden dies auch noch bis zum ersten Montag im Januar sein.