Schön wars

20. 5. 04 9:04

Der Zug aus Halle trifft ein, Martin steigt aus. Er möchte mit zum ART kommen, hat aber noch keine Fahrkarte.

20. 5. 04 9:20

Die Abfahrt des ICE 1652 wird angekündigt. Ich springe in den Zug, obwohl ich meinen Wagen noch gar nicht erreicht habe. Die Bahn will mich ärgern und hat meinen Wagen ganz hinten, also am Zuganfang, abgestellt.

Den Martin hat die Bahn auch verärgert, sie wollte ihm keinen Rabatt gönnen, er muß in Leipzig zurückbleiben bzw. nach Halle zurückfahren. Er hat mir eine Flasche Nocheinwein für Gudrun mitgegeben.

20. 5. 04 9:56

Der Zug fährt gerade durch Bad Kösen, mittlerweile hat auch schon der zweite sein Büro aufgebaut, die Laptops lärmen, eine Kaffeemaschine scheint keiner installiert zu haben. Das ist sehr schade, ich hätte jetzt gern einen Kaffee. Auch die Frau hinter mir beklagt, daß sie noch müde ist.

20. 5. 04 10:07

Das Kind hinter mir kann lesen, ich weiß jetzt auch, daß der Zug in Kürze Weimar erreicht, ohne auf die Anzeige geschaut oder den Zugchef vernommen zu haben. Ich freue mich auf den Zeitpunkt, an dem hinter mir Ruhe einkehrt.

20. 5. 04 10:20

Sieben Planminuten vor Erfurt steht ein Mann mit einer Kamera auf dem Weg neben den Gleisen und schaut sich den vorbeifahrenden Zug an. Ich frage mich, was ich verpasse, weil der Zug einfach mit mir weiterfährt. Zwei oder drei Plätze hinter mir hat ein Herr mit Schnarchen begonnen.

20. 5. 04 10:49

Der Zug hält heute zusätzlich in Gotha. Mutter und Kind hinter mir beschließen, zur Abwechslung mal gelb und grün zu sein. Der Herr zwei oder drei Reihen hinter mir ist heute besonders fleißig. Trotz Feiertag ist er noch immer mit Sägen beschäftigt.

Auch mir steckt die viel zu kurze Nacht in den Knochen. Ich habe leider keinen Kaffee und den Entschluß gefaßt, mir ein Bier zu öffnen. Es ist Himmelfahrt, ich bin ein Mann, obendrein ein langhaariger Rocker, ich fühle mich dazu verpflichtet.

Das Mobiltelefon hinter mir kann nicht nur piepsen, sondern auch singen.

20. 5. 04 11:01

Der Zug fährt in Eisenach ein, vorbei an vielen zerfallenen Häusern. Ich möchte verweilen und fotografieren, muß mich aber mit einem Schluck aus der Flasche begnügen.

Die Frau hinter mir berichtet ihrer Tochter, daß der Zug bereits fünf Minuten Verspätung hat. Ich denke, Terroristen dafür verantwortlich zu machen.

20. 5. 04 11:12

Soeben läuft ein Tablett mit Kaffee an mir vorbei. Aber ich habe mein Bier und keine Lust, EUR 2,60 für einen Becher gefüllt mit schwarzem Gift zu zahlen.

20. 5. 04 11:20

89 km/h
106 km/h

20. 5. 04 11:21

120 km/h
135 km/h
150 km/h

20. 5. 04 11:28

Ich antworte auf eine SMS von Dieter Brügmann, kann sie aber mangels Netz nicht versenden.

20. 5. 04 11:48

Ein Mobiltelefon stört mit seinem aggressiven Gepiepse meine Ruhe, ein anderes beginnt mit Singen. Der Zug hat mittlerweile sechs Minuten Verspätung.

Es ist noch eine knappe Stunde bis Frankfurt. Ich werde noch ein Bier trinken, denn mit dem zweiten sieht man besser bzw. kann man auf einem Bein nicht stehen, was ich auch überhaupt nicht vorhabe, denn ich sitze sehr bequem.

20. 5. 04 11:56

Das Kind hinter mir beginnt zu summen bzw. zu singen. So ein Summsang halt. Die Melodie ist langweilig und nervt.

20. 5. 04 12:01

Drei Reihen vor mir schlägt eine Göre mit ihrer Barbiepuppe ungestraft auf Mitreisende ein. „Kunst. Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.“

20. 5. 04 12:04

Hinter mir erklärt die Tochter, daß sie, im Gegensatz zu ihrer Mutter, keine Wimperntusche braucht. Anschließend imitiert sie den Zugchef und informiert, daß wir in Kürze Schüttingen erreichen. Ich befürchte, daß wir bereits durchgefahren sind.

20. 5. 04 12:10

Das kleine Mädchen drei Reihen vor mir macht seine Drohung wahr und beginnt, eine Geschichte zu erzählen. Glücklicherweise hat sie bereits nach dem zweiten Satz kein Durchhaltevermögen mehr, oder es war nur eine Kurzgeschichte, aber viel zu viel Energie. Ihre Barbiepuppe muß sich übergeben.

20. 5. 04 12:50

Ich habe in den ICE 875 gezugwechselt. Mein Platz ist besetzt. Ich sage, daß ich gern den Fensterplatz hätte, er wird mir auch sofort zugestanden. Ich mag die Deutschen für ihre Ordentlichkeit, ihre leichte Handhabbarkeit.

20. 5. 04 13:00

Ich mag das Mobiltelefonwörterbuch. Aus „Wir seien vor in Mannheim.“ hat der Leser „Wir sehen uns in Mannheim.“ zu erraten.

Ich schreibe nicht mehr mit und versuche daher, zu rekonstruieren.

Mein Zug trifft pünktlich in Mannheim ein, es muß also 13:28 sein. Ich verlasse den Zug, sehe mich auf dem Bahnsteig um, aber nur unbekannte Gesichter. Langsam schreitend verlasse ich den Bahnsteig, die Unterführung, den Bahnhof. Bisher habe ich noch keinen gefunden, der mich und Didi abholt, beschließe also, zu dem Gleis zu pilgern, auf dem Didis Zug eintreffen wird.

Ich verstehe den Ankunftsplan nicht gänzlich, aber ich finde heraus, daß ich zu dem Bahnsteig zurück darf, welchen ich gerade verließ.

Ich treffe Gudrun, wir stellen fest, daß wir uns nicht gesehen haben. Ich mag solche Wortwechsel. Die Tatsache, daß man sich nicht gesehen hat, ist ja bereits bekannt, diese Information braucht also eigentlich nicht ausgetauscht werden, aber es ist doch immer sehr angenehm, befriedigend zu wissen, daß das Kurzzeitgedächtnis funktioniert.

Ein paar Worte später fährt der ICE samt Didi ein, ohne ihn weiter. Wir verlassen den Mannheimer Hauptbahnhof, Didi stellt fest, daß er in der Provinz angekommen ist. Ein alter Japaner bringt uns zu Gudruns Wohnung, wo wir Didis Gepäck und das Bierfaß abstellen.

Vom Schwetzinger Bahnhof aus schreiten wir gen Schloß, doch nicht direkt, wir lassen und in einem Freisitz nieder. Stefan ist da, Michael ist da, Boernout ist da, Robert ist da, Christian ist da, Didi und Karl jetzt auch, Gudrun wieder und Sabine schon wieder weg.

Es wird sich bei Erfrischungsgetränken gestärkt, anschließend spazieren wir durch den Schloßgarten. Dort gibt es Palmen in großen Blumenkästen, einen seltsamen langen Gang mit eingemalten Loch am anderen Ende und verwirrt dreinschauende Löwen. Didi überquert rückwärts eine Brücke in der Hoffnung, nicht zu stolpern. Er überlebt. Wir gehen weiter die Sonne brennt, die Pflanzen reflektieren angenehm grün. Wir sehen eine als Ruine geplante Ruine und eine Moschee.

Ich werde zu meinem Quartier gebracht, ich wohne über einem blauen Loch, Die Pension Münch heißt jetzt Seytz, auf meinen Namen ist tatsächlich ein Einzelzimmer reserviert, es hat zwei Betten, zwei Sessel und was sonst noch so in einem Zimmer rumsteht. An Tisch und Schrank hängen Schilder mit dem Preis.

Ich stelle mein Gepäck ab, wir fahren zu Micheal. Dort gibt es Chili, kühles Bier, Kirschwasser, wir erarbeiten einen Vorschlag und lassen uns später von Hans Liberg unterhalten. Robert bemerkt regelmäßig, daß Micheals Waage kaputt ist.

Noch später, längst nach Einbruch der Dunkelheit löst sich die Gesellschaft auf und verteilt sich auf ihre Unterkünfte. Ich greife mir ein Breznak und wandere noch eine Stunde durch das nächtliche Schwetzingen.

Der Wecker klingelt – wie jeden Tag – zu früh. Aber was tut man nicht alles für die Wahrheitsfindung? Während ich mich rasiere, klopft es an die Tür. Mehrfach. Nun, ich denke, man möchte wissen, wer denn da residiert, gestern wurde mir nur einfach so der Schlüssel in die Hand gedrückt. Man teilt mir mit, daß es nur bis 9 Uhr Frühstück gibt, mir bleiben also nur noch vierzig Minuten. Nach zwei Tassen Kaffee sieht die Welt ganz anders aus, aber trotzdem bin ich überzeugt, zu zeitig aufgestanden zu sein.

Michael, Robert, Stefan und Gerd holen mich und bringen mich weg. Wir fahren zu Gudrun, die Tafel ist bereits gedeckt, wir nehmen gemeinsam Frühstück ein.

Die Sonne scheint, ich teile mit, daß ich erst später das Wetter zum Ausdruck meines Protestes einsetzen werde. Die ART-Teilnehmer sind gesättigt, die ersten Tagesordnungspunkte werden abgearbeitet.

Etwas später setzen wir unsere Arbeit in Heidelberg fort. Wir sehen uns das Schloß an. Es ist sehr schön verfallen, es gibt ein kleines, ein großes Faß, eine beeindruckende Aussicht und verwirrt dreinschauende Löwen.

Wir fahren in die Stadt, auf einem Freisitz erholen und erfrischen wir uns bei kalten und warmen Getränken.

Michael, Didi, Gerd und ich steigen zum Philosophenweg auf. Ich bin ein wenig enttäuscht, daß der Weg so kurz ist. Gerd schwitzt. Wir genießen die Aussicht und gehen anschließend in die Stadt zurück. Dort stoßen wir auf den Rest der Gruppe und Bären. Stefan nimmt einige mit.

Wir fahren weiter, ein Erdloch zu besichtigen. Es gibt keine Führung und wenn man von oben hineinschaut, sieht man im wesentlichen nichts, aber einen echten Wahrheitsfinder stört das nicht wirklich.

Auf der Fahrt zu minimal schlafe ich immer wieder ein, angekommen, beginnt die Jagd auf Grillgut und andere Lebens- und Genußmittel. Es gibt keine Knusperflocken. Es gibt auch keinen Senf aus Bautzen.

Es geht weiter zu Gudrun, zum Abendessen, zum Grillen. Bei Michael laden wir Bier ins Auto, ich hole Knusperflocken aus der Pension, das dauert etwa eine Minute und vierzig Sekunden.

Das Wetter hat sich geändert, es regnet etwas, aber wir haben einen Sonnenschirm, deswegen stören wir uns nicht daran. Das Warmwasser hat eine angenehme Temperatur von 42 °C. Wir grillen, essen, zapfen, trinken, reden un sogar der NFWM ist anwesend.

Nach Tageswechsel und geleertem Faß endet der Abend mehr oder weniger. Robert beschließt, meinem nächtlichen Spaziergang durch Schwetzingen beizuwohnen. Wir stellen fest, daß manche gegen die Achse des Bösen sind und im nächtlichen Schwetzingen keine leeren Bierflaschen gestohlen werden. An meiner Pension endet die Nachtwanderung für mich, Robert darf noch ein Stück laufen.

Der Wecker klingelt schon wieder zu früh. Daß es heute bis 10 Uhr Frühstück gibt, wird mir nicht mitgeteilt, weil ich mein Frühstück schon gegen 9 Uhr einnehme. Ich werde gefragt, wann ich eigentlich gedenke, abzureisen.

Ich werde wieder abgeholt, es gibt ein weiteres Frühstück, die Gruppe übt sich im kollektiven Munterwerden.

Heute geht es nach Mannheim. Die Straßenbahn bringt uns zum Landesmuseum für Technik und Arbeit, in welchem wir uns unter anderem die Stromgitarrenausstellung anschauen. Unser Museumsrundgang endet, nachdem wir sie finden, in der Arbeiterkneipen. Didi und ich leben den Glauben.

Es geht zurück zu Gudrun, Stefan gönnt sich eine Auszeit, bei Michael holen wir einen Topf für den Spargel, Gerd hält die Pfanne hoch.

Es wird Spargel gegessen, Bier und noch ein Bier, Wein und noch ein Wein getrunken, Didi ist für ein paar Minuten Prof. Grizmek. Der Abend endet früh, ich spaziere wieder durch die Nacht. Mein Bier ist leer, der Tag erst zwanzig Minuten alt, ich beschließe, im Blauen Loch zu versumpfen und umsetze diesen Beschluß.

Der Wecker klingelt viel zu früh. Ich packe meine 42 Sachen, frühstücke, begleiche die Rechnung für mein Zimmer und werde abgeholt. Bei Gudrun nehme ich das sechste ART-Frühstück ein.

Stefan und Christian brechen auf, Robert bricht auf, gegen Mittag fahren Didi, Gerd und ich nach Mannheim, Didi will ein Bier trinken, Gerd und ich steigen in ICEs und setzen die Heimreise fort.

Ich genieße die Fahrt in vollen Zügen, ich kann das, ich habe reserviert. Elektronisch. Der Herr auf Platz 73 hat ständig etwas zu schimpfen, die meisten Reisenden scheinen in diese typische, katerartige Sonntagnachmittagsstimmung verfallen zu sein.

Der Herr auf Platz 73 schaut etwas pikiert, als ich mir ein Bier öffne, er schaut aber auch wieder weg, nachdem er feststellt, daß ich ihn ignoriere. Der Zugchef gibt das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl bekannt.

In Leipzig werde ich von einem spontan einsetzenden Regenschauer begrüßt, ich weiß das durchaus zu würdigen. Die 11 bringt mich nach Hause, wo ich dann auch mein Gepäck ablege, mich setze und denke: Schön wars.