Die verschwundene Sonne

Es war einmal vor langer, langer Zeit – damals, als die Menschen alle glücklich, die Natur noch gesund und sowieso alles besser war. Auch war es die Zeit, in der man noch nicht über C mußte, wenn man von A nach B wollte. Doch leider gab es da einen gar üblen Zeitgenossen, dem das überhaupt nicht recht war, denn es kam niemand bei ihm vorbei.

Dieser üble Zeitgenosse – ich will der Einfachheit wegen Wilhelm nennen – wohnte nämlich abseites jeglicher Zivilisation. Naja, die Zinsen waren günstig, das Bauland gab es zu einem Spottpreis und eine schöne Aussicht hatte man auch. Aber es war eine gottverlassene Gegend, und da die Menschen ohne Götter nicht leben wollten, war diese Gegend menschenleer. Bis auf Wilhelm halt, der da Met-berauscht den Kaufvertrag unterschrieb.

Vermutlich hätte man auch nie wieder etwas von Wilhelm gehört, wenn… Nein, man hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Es gab auch gar keinen Grund dafür.

In dieser Einöde vegetierte nun unser Wilhelm vor sich hin, und weil er außer dem Vorsichhinvegetieren und der Gartenarbeit nichts zu tun hatte, ließ er sich einen Bart stehen und begann zu philosophieren.

Wenden wir uns ab von diesem Langweiler und der idyllischen Ortschaft A zu, welche ich Sonnenstadt nennen möchte, um einen Kontrast zur geistige Umnachtung Wilhelms, von dem ich aber nicht mehr reden möchte, zu schaffen.

In Sonnenstadt waren alle Menschen glücklichen. Am Morgen verspeisten sie das gesunde Korn, welches sie tagsüber auf ihren Feldern anbauten. Am Abend tranken sie das Korn dann lieber und es schien, als könne man die Ruhe durch nichts, aber auch gar nichts stören.

Konnte man aber, wie sich leider recht bald herausstellen sollte.

Eines Nachtes wachten alle Sonnenstädter auf, denn ein lautes „Heureka!“ bahnte sich den Weg zu den Gehörnerven. „Heureka!“ schallte es noch einmal durch die ganze Gegend. Ganz Sonnenstadt war aufgewacht. Und verängstigt. Schließlich waren die Sonnenstädter Sonne gewöhnt, Dunkelheit hatte noch kein Sonnenstädter erlebt.

Traurige Zeiten brachen herein. Die Menschen konnten mit der Dunkelheit nicht leben und wurden immer aggresiver. Sie beschimpften sich gegenseitig, entleerte den Nachttopf auf des Nachbars Wiese und verdächtigte den andren Nachbar, die Sonne versteckt zu halten. Und so verging Jahr und Tag. Worte wie „Bitte“ und „Danke“ wurden in das Fremdwörterbuch aufgenommen, welches aber nie erschien, weil sich die Vorstände des Verlages nicht ausstehen konnten.

Eines Tages jedoch faßte sich der Dorfälteste ein Herz, nein, es waren zwei Herzen, und rief eine Versammlung ein, um ein bißchen zu agitieren.

Als die ganze Bevölkerung sich auf dem Marktplatz eingefunden hatte, unterbrach er die grimmige Menge in ihrer Flucherei, indem er zu ihnen sprach.

„Sonnenstädter!“ sagte er, „Sonnenstädter! Etwas furchtbares ist geschehen. Die Zeiten sind schlecht! Wir müssen etwas tun!“ – „Ja, wir müssen etwas tun“ schrie das Volk. „Laßt uns etwas tun! Wir müssen etwas tun! Tun wir es jetzt!“

„Was müissen wir denn tun?“ fragte eine Schlafmütze aus der letzten Reihe. „Das ist doch völlig egal.“ empörte sich die Menge. „Wichtig ist nur, daß wir etwas tun.“

„Er hat recht.“ meinte der alte Greis, „Seit wir von diesem ‚Heureka!‘ geweckt worden sind, herrscht nur noch Dunkelheit. Wir müssen die Sonne finden…“

Da der alte Herr so langsam sprach und an dieser Stelle auch noch einen Schluck Wasser zu sich nahm, hielt das dumme Volk die Rede für beendet und begann überall nach der Sonne zu suchen. Vergebens.

„… und dies wird uns nur gelingen, wenn wir die Bedeutung des Wortes ‚Heureka‘ herausfinden. Dazu braucht es einen mutigen Menschen. Wer stellt sich dieser Aufgabe?“

Da ja alle außer der Schlafmütze bereits den Platz verlassen hatten, fiel die Wahl nicht schwer und die Schlafmütze, im folgenden Gottfried genannt, begab sich auf eine lange, lange Wanderschaft.

Er wanderte nächtelang durch Wald und Flur, bis er an einer Mühle angelangte, an der er hoffte, seinen Vorratsbeutel auffüllen zu können. Er klopfte also an, doch ihm tat niemand auf. Er öffnete vorsichtig die laut knarrende Tür und folgte den seltsamen Geräusch aus dem Nebenzimmer. Dort schnarchte der Müller so laut, daß man meinen könnte, er benutzt einen Verstärker. Dieser jedoch ward damals noch gar nicht erfunden. Da Gottfried aber diesen Lärm nicht aushalten konnte und sich vom Müller eine Auskunft erhoffte weckte er ihn rüttelnd.

Der Müller fuhr hoch: „Warum weckst Du Schlafmütze mich? Wenn ich nicht schlafe, kann ich morgen nicht arbeiten und das Mehl hat keine Qualität mehr und schließlich haben wir alle sauberes und einwandfreies Mehl verdient. Und jetzt laß mich schlafen!“ Und prompt sägte der Müller weiter.

Gottfried verließ deprimiert die Mühle, jedoch nicht ohne sich mit Nahrungsmitteln und dem Schinken, einem lokalen Wurstblatt, einzudecken.

Während er bei einer Pause den Schinken durchblätterte, fiel ihm Anzeige sofort auf:

„Befrage die Weisen, sie wissen die Antwort!“

Das war es doch, was unser Gottfried und ganz Sonnenstadt brauchte. Er ließ seine Stulle fallen und machte sich prompt auf den Weg und kam auch schon bald an ein Häuschen, in dem die beiden Weisen wohnten. Er setzte die Glocke mit einem geschickten Stoß in Bewegung, welche von einem lieblich Läuten begleitet wurde.

Im Hause ging das Licht an, die Tür öffnete sich und zwei Herren im Schlafanzug öffneten die Tür.

„Du hast drei Fragen, also stelle sie!“ sprachen sie im Chor. „Seid ihr die zwei Weisen?“ fragte Gottfried „Ja!“ lautete die Antwort. „Woher wußte der Müller, daß ich eine Schlafmütze bin?“ verschwendete Gottfried seine zweite Frage. „Schau doch mal in den Spiegel, dann weißt Du es!“ Der märchenerfahrene Leser denkt jetzt sicher, daß Gottfried noch eine dumme Frage stellt, jedoch muß ich ihn enttäuschen. „Wo ist die Sonne?“ fragte Gottfried die beiden Weisen, welche von der Frage allerdings so verwundert waren, daß sie das auch in ihren Gesichtern ausdrücken mußten. Jedoch zog der eine Weise geschwind eine Sternenkarte hervor und zeigte dem Sonnensuchenden, wie die Bahn der Sonne verläuft und wo sie sich jetzt befinden mußte.

Gottfried bedankte sich höflich und ging davon. Er war verzweifelt, denn er konnte mit der Erklärung der beiden Weisen nichts anfangen. Man hätte ihm erzählen können, daß das die Leute auch in tausend Jahren nicht verstehen werden, aber es hätte ihn sicher nicht getröstet.

Er hatte seine Aufgabe nicht gelöst. Was soll er denn jetzt tun? Er kann ja nicht einfach ins Dorf zurückgehen und sagen, daß er versagt hat. Man würde ihn umbringen und noch viele andere schlimme Sachen mit ihm veranstalten.

„Ich brauche einen Schnaps“, meinte er nur noch, „und zwar eine große Flasche.“ Kaum hatte er das gesprochen, erschien eine Fee und erfüllte ihm diesen Wunsch und verschwand sofort wieder mit einer effektvollen Lichtschau. Danach begann eine Dauerwerbesendung. Um diese ertragen zu können, trank Gottfried die Flasche leer und schlief recht bald ein.#

Als er wieder aufwachte, schien die Sonne und die Vögel sangen. Ob sie wirklich sangen, weiß ich nicht, sie hätten auch über das Wetter zwitschern können, aber man sagt halt, daß die Vögel singen. Jedenfalls war es ein heller und warmer Sommertag und Gottfried meinte: „Prima, da ist ja das Problem gelöst. Die Werbesendung war ja wirklich nervig.“ Auch wenn Gottfried nicht gerade helle war, bemerkte er, daß heute irgendetwas anders war, aber er wußte nicht, was es ist.
Er lief also los, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Und wieder kam er bei der Mühle vorbei. Man hörte den Müller schon von Weitem brüllen: „Nur Perverse hier, sowas habe ich nicht verdient.“, jedoch ließ sich unser Suchender nicht davon abhalten, ihn zu fragen, was denn heute anders sei.

„Gar nichts ist heute anders. Es gibt viel zu tun, die Sonne scheint…“ ‚Ja‘, dachte sich Gottfried, ‚genau das ist es.‘ „Danke!“ rief er dem Müller noch zu und rannte in sein Heimatdorf, wo er auch gleich alle weckte und verkündete, daß er die Sonne mitgebracht hat.

Als alle mit ihrer Morgentoilette fertig waren, begann ein großes Fest, wo alles tanzte und lachte und Gottfried zum Ehrenbürger des Ortes Sonnenstadt wurde.

Oben auf dem Berg ward dem alten Wilhelm der Lärm der Ortschaft zuviel und er wanderte nach Griechenland aus, um dort eine Karriere als Mathematiker zu machen. Sein Ausruf „Heureka!“ machte ihn später noch sehr berühmt, doch davon soll eine andere Geschichte erzählen.