Das Fest in der Großstadt

Es war einmal, denn so fangen Märchen nun einmal an, eine schöne große Stadt. Leider sind die verbliebenen Dokumente heute schon so verblichen, daß man den Namen der Stadt nicht entziffern konnte und daher möchte ich die Stadt einfach Großstadt nennen.

Großstadt beschreibt die Stadt sehr genau. Es war eine Stadt, die wurde immer größer und fetter, denn sie war sowohl tagein als auch tagaus damit beschäftigt, die umliegenden Dörfer und Kleinstädte einzugemeinden.

Nun kam es, wie es kommen mußte, und die Großstadt verleibte sich die tausendste Ortschaft ein. Das war für den Oberbürgermeister Grinslaff Gläserwald grund genug, ein dreitägiges Fest zu veranstalten, um den frisch gefüllten Steuertopf wieder zu leeren.

Alle kamen sie zu dem Feste, von fern, von nah und natürlich auch von zwischendrin, denn diese bekamen ja mit, daß die Leute von fern in die Stadt fuhren, um zu saufen, um zu fressen und um die Sau rauszulassen, ohne sie wieder einfangen zu müssen.

Natürlich hat so eine Eingemeindung nicht nur Anhänger, sondern mitunter auch ganz erbitterte Gegner. Einer von diesen Miesepetern, die jeglichem Fortschritt im Wege stehen wollen, ist Grünhold Gantelmeyer, welcher es sich zum heiligen Auftrag machte, das Jubelfeste zu boykottieren und seinen Ortsteil wieder zu einem autonomen Dorfe zu machen.

Letzteres aber scheiterte schon daran, daß die dummen Bauern von den Autonomen nur schlechtes gelesen hatten und Grünhold für eine derart dämliche Forderung durch alle Misthaufen der Region schleiften. Grünhold blieb also nur noch der Weg zum Feste. (Selbstverständlich hatte er sich vorher wieder gründlich gereinigt.)

Seit erster genialer Einfall zur Mitgestaltung der Feierlichkeit bestand wie so oft im Griff zum Telefon. Der diensthabende Metereologe Gerald Gottfriedson (ein Skandinavier mit Schlechtwetter- erfahrung) hatte ein Auge auf Grünholds Tochter Gundula geworfen und setzte nun natürlich alles daran, mit ihr anbändeln zu können. Er folgte Grünholds Willen blind und ließ es an den Festtagen regnen und das in so großen Mengen, daß die Förderanlagen das Wasser aus den Seen nicht rechtzeitg an den Himmel bekamen und man schon auf halber Höhe alles ausschütten mußte.

Die Großstädter hat das aber nicht weiter gestört. Schließlich fand alles in einem überdimensionalem, extra dafür errichteten Festzelt statt, was Grünhold auch gewußt hätte, wenn er die Einladung gelesen und nicht zerrissen hätte.

Aber Grünhold gab nicht auf. Er hatte noch eine weitere, genialere Idee, mit der er das Fest zu Grunde richten würde. Er schlich in das festliche Getränkelager und schüttete in jedes Faß etwas aus seiner mitgebrachten Flasche. Es muß wohl ein Zaubertrank gewesen sein, mit dem er alle Gäste betäuben wollte. Es sah auch schon so aus, als hätte Grünhold mit dieser Methode Erfolg. Im Festzelt suchte sich jeder einen Platz, wo er sich hinlegen oder wenigsten hinsetzen konnte und alles schien einzuschlafen. Doch kaum hatte sich die letzte Person zur Ruhe gesetzt, sprangen alle wieder auf und waren noch fröhlicher und ausgelassener als zuvor.

Das machte Grünhold natürlich wütend. Er stürmte in das Festzelt und ließ ein so entsetzlichen Schrei los, daß alles verstummte und aufgrund der Lautstärke auch noch taub wurde.

Die Feierlichkeit schien gelaufen. Keiner sagte mehr etwas, da der andere so oder so nichts verstand. Es schien so, als hätte Grünhold Gantelmeyer gesiegt. Diese Tatsache war Gantelmeyer (er ist jetzt unsympathisch geworden, deshalb verwende ich seinen Nachnamen) eine Genugtuung und er begann lauthals zu lachen.

Er lachte und das ganz besonders. Er lachte nicht nur, wie man über einen billigen Witz lacht, nein, so richtig bösartig, daß nicht nur er und sein Körper sondern die gesamte Umgebung vibrierte. Die feiernden Großstädter ärgerte das sehr und sie zeigten, so gut wie möglich, ihre Wut. Gantelmeyer lachte darüber noch mehr. Ich will es kurz machen: Gantelmeyer steigerte sich letztendlich so hinein, daß das Teilzelt einstürzte und der nun hereinströmende Regen die Zeltteile samt Leichnam Gantelmeyers hinfortspülte.

Der Knall, der durch das Einstürzen des Zeltes entstand, sorgte dafür, daß sich der Propfen aus Dreck und Bier, welche bei den Gästen durch den Schrei fest ins Ohr gedrückt wurde, wieder löste und alle unbeschwert weiterfeiern konnten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, sind sie heute schon wieder am Arbeiten und Eingemeinden der nächsten Ortschaften.