Der Geist der Weihnacht

„Weihnachtsmann!“ wurde der Rauschebart aus seinen Gedanken gerissen. Der sah verträumt aus dem Fenster, den Schneeflocken beim Tanzen zu. Und er schaute auch auf die Schneeflocken, die sich auf den Dächern, den Fenstersimsen, den Bäumen sowie der restlichen Landschaft zur Ruhe gelegt hatten. Auf dem Hof blinkten bunte Lichter. Wichtel sausten emsig umher. Der Becher war gefüllt mit köstlichem Glühwein. Das Pfeifchen dampfte. Alles wirkte so idyllisch. Aber es war Dienstbesprechung.

„Weihnachtsmann, könntest Du bitte den Zeitplan absegnen?“ nervte der versammlungsleitende Wichtel erneut. „Bitte entschuldigt! Ich war eben abwesend. Wie lautet denn der Zeitplan noch mal?“ „Heute back ich, morgen brau ich und übermorgen hole ich der Königin ihr Kind. Hihihi.“ kicherte Küchenwichtel Kasimir aus der hinteren Ecke des Zimmers. Die anderen Wichtel drehten sich um und schauten den Schelm finster an. „Ich geh dann mal Glühwein kochen.“ sprach der Kochwichtel und verzog sich, bevor einer der Blicke ihn töten konnte.

„Also, noch mal zum Zeitplan. Heute werden noch einmal die Listen durchgegangen und die Geschenke auf Korrektheit überprüft und der Schlitten vorbereitet. Morgen werden die Last-Minute-Geschenke eingepackt und Rudi wird betankt. Dafür brauchen wir jede Menge Glühwein. Und übermorgen werden dann die Geschenke verteilt. Ist das so in Ordnung?“ „Nein.“ sprach der Weihnachtsmann. Die Wichtel schauten ihn entsetzt an. „Am Montag habe ich keine Zeit. Da habe ich meine Skatrunde. Wir verteilen die Geschenke am Dienstag.“ Die Wichtel schauten noch entsetzter.

„Aber, aber, aber…“ japste der Geschenkeverteilungskoordinator Gregor. „Wenn wir die Geschenke nicht Heiligabend verteilen, gerät die ganze Zeit aus den Fugen und dann geht wieder die Welt unter – zumindest für die Kinder.“ „Ach“, winkte der Weihnachtsmann ab, „ob das Spielzeug einen Tag eher oder später langweilig wird, ist doch völlig egal. Montags wird Skat gespielt!“ „So geht es aber nicht!“ sprach Rechtswichtel Randolf. „Wir haben Verträge zu erfüllen. Termingerecht. Sonst gibt es keine Fördermittel von der EU mehr und die Renten sind auch in Gefahr. Du gehst am Montag nicht zum Skat! Punkt!“

„Aber zu zweit kann man doch kein Skat spielen. Wie soll ich das meinen Skatbrüdern erklären?“ erwiderte de Rotkittel. „Ach, Weihnachtsmann! Niemand will Heiligabend Skat spielen. Da wollen alle nur Geschenke auspacken und reichlich essen. Also, ist der Zeitplan abgesegnet?“ „Ja.“ grummelte der Rauschebart. „Wenn es sein muß.“

Irgendwie hatten die Wichtel ja recht. Ohne EU-Fördermittel müßte der Weihnachtsmann seinen Glühwein schließlich selber bezahlen. Die Altersvorsorge war dem Weihnachtsmann im Prinzip egal, da berufsbedingt lebenslänglich arbeiten muß, aber seine Wichtel wollten ja alle irgendwann mal in ihren wohlverdienten Ruhestand gehen. Das hatte er mit der Wichtelgewerkschaft so vereinbaren müssen. Er nahm einen Schluck Glühwein und harrte der nächsten uninteressanten Tagesordnungspunkte.

Nach ein paar Minuten aber döste er – verständlicherweise – weg. So viel Bürokratie! Früher ging die Geschenkeverteilerei doch auch einfach so – ohne Formulare, ohne optimierte Prozeßketten, ohne langweilige Besprechungen, ohne unartige Kinder. Ach, nein, die gab es leider immer. Als der Weihnachtsmann wieder aufwachte, beendete der Posten Wunschzettelannahme seinen Bericht: „Abschließend bleibt festzuhalten, daß das Wunsch- und Wunschzettelaufkommen konstant geblieben ist. Lediglich die Anzahl der Express- und Übernachtbestellungen hat deutlich zugenommen.“ „Expressbestellungen? Übernachtbestellungen?“ staunte der Rotkittel. „Machen wir denn sowas?“ „Nur, wenn der Wunschzettel am 23.12. eingereicht wird.“ erwiderte ein Wichtel und alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. Nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, meinte er weiter: „Nein, im Ernst, wir liefern nur am 24. Dezember. Deswegen sind wir auch so effizient.“ Die Sitzung war vorüber und alle machten sich wieder an ihre Arbeit. Nachdem alle Geschenke kontrolliert wurden und alle Listen abgearbeitet waren wurde der Tag mit der traditionellen Feuerzangenbowle beendet – so wie jeder andere Tag auch. Man kann ja schließlich nicht nur Glühwein trinken.

Als der Weihnachtsmann am nächsten Tag erwachte, vernahm er einen eher untypischen Lärm vom Hof. Er blickte auf den Hof und sah viele Wichtel aufgeregt mit Keschern umherspringen. ‚Nanu‘, dachte sich der Rauschebart, ‚es ist doch gar nicht Jahreszeit für Schmetterlinge.‘ Er ging zum Frühstück und wurde dort aufgeklärt. „Es ist eine Katastrophe, lieber Weihnachtsmann. Ein neugieriger Lagerwichtel hat den Kanister mit dem Geist der Weihnacht geöffnet und nun ist dieser entkommen.“ „Ach, herrje!“ stöhnte der Rotkittel und nahm erstmal einen kräftigen Schluck von seinem mehrfach entkoffeinierten Glühwein. „Das ist wahrlich nicht gut. Aber mit Netzen bekommen wir den auch nicht eingefangen. In der Küche sollen sie sofort einen neuen ansetzen. Da müssen wir morgen eben etwas sparsamer sein.“ Zur Erklärung: Beim Geist der Weihnacht handelt es sich um eine psychoaktive Substanz, welche vom Weihnachtsmann während des Fluges großzügig über der Zivilisation verteilt wird. Sie sorgt für eine zwei bis drei Tage anhaltende Euphorie und Glückseligkeit.

Die Küchenwichtel taten, wie ihr Chef ihnen geheißen hatte und am nächsten Morgen war der Kanister wieder gefüllt, zumindest bis zur Hälfte. „Naja“, sprach der Weihnachtsmann, „es ist zwar nicht viel, aber für ein bis zwei Tage wird es wohl halten.“ Er setzte sich auf seinen vollgepackten Schlitten, ein gut angeheiterter Rudi wurde eingespannt und die Wichtel verabschiedeten ihn. „Und trink ja keinen Glühwein von Fremden. Am Ende wachst Du wieder irgendwo in der Wildnis auf und der Schlitten ist weg.“ Die Wichtel kicherten, der Rauschebart verzog das Gesicht. Daß sie ihn aber auch jedes Jahr wieder an diesen peinlichen Vorfall erinnern mußten.

Das Rentier setzte sich in Bewegung, der Schlitten mit ihm und schon bald waren sie in den Lüften verschwunden. Kaum hatten sie ihre Reisehöhe erreicht, löste der Weihnachtsmann seinen Gurt und goß sich einen Becher Glühwein ein. Er nahm einen kräftigen Schluck und vernahm auf einmal ein leises „Hihihihi!“. „Was gibt es denn zu kichern, Rudi?“ „Das war ich nicht.“ erwiderte das Rentier. „Hihihihi!“ machte es da schon wieder. „Aber irgendwer kichert doch! Ich war es nicht und wir sind nur zu zweit.“ „Hihihihi!“ kicherte es schon wieder.

„Ach du heiliges unanständiges Wort!“ rief auf einmal Rudi und wurde bleich im Gesicht, so daß die rote Nase noch viel mehr zur Geltung kam. „Was ist denn los?“ fragte der Rotkittel, doch in dem Moment, wo er die Worte sprach, sah er es selbst: Da vorn, hinter der elften Wolke links, schwebte ein riesiger Geist.

Der Schlitten näherte sich langsam der riesigen Gestalt und der Weihnachtsmann rief ihn an: „Hohoho, Großer Geist! Wer bist Du denn?“ „Hihihihi!“ kicherte das Wesen. „Das weiß ich nicht. Hihihi! Aber wenn ich durch diese kleinen Wesen da unten durchfliegen, dann fangen sie erst an zu grinsen und hüpfen dann völlig lustig umher. Hihihihi!“ ‚Unanständiges Wort nochmal!‘ dachte sich der Rauschebart. ‚Das muß der Geist der Weihnacht sein, der gestern entwichen ist. Und jetzt bringt dieser verrückte Junge mit seinen Späßen harmlose Menschen in die Klapse. Was mache ich nur? Was mache ich nur?‘

„Ich habs!“ rief er auf einmal laut. Offensichtlich hatte er eine Idee. Rudi schaute ihn fragend an, der Geist der Weihnacht ebenso. „Sag mal, Geist, denkst Du, Du kannst durch alle Menschen gleichzeitig durchfliegen?“ „Nein“, erwiderte dieser. „Dafür bin ich bestimmt zu klein.“ Der Geist schaute traurig zu Boden. Nun, durch den Schabernack, den er trieb, hatte er schon einiges an Größe verloren. Das macht aber nichts, denn der Weihnachtsmann hatte ja eine Idee. Er gab dem Geist den Kanister mit dem neu angesetzten Geist der Weihnacht und Rudi bekam eine Thermoskanne voll Glühwein. „Ihr trinkt jetzt um die Wette und dann versucht ihr, alle Menschen gleichzeitig zu erreichen.“ Beide nickten eifrig und stürzten sogleich die Getränke hinunter. „Hihihihi!“ kicherte der Geist der Weihnacht und verteilte sich sofort über die ganze Welt, Rudi verteilte seinen Mageninhalt zum Glück nur auf dem Acker, über den sie gerade flogen.

Weihnachten war wieder einmal gerettet. Die Menschen waren so glücklich, daß er eigentlich keine Geschenke hätte verteilen müssen. „Das spreche ich bei der nächsten Dienstversammlung einmal an.“ sprach er zu sich selbst, nahm noch einen kräftigen Schluck Glühwein und verlor sich wieder in Gedanken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.